| Geschichten aus "Monsieur Kurt" von Kurt Myltz |
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Der
verschwundene Tag Das
neue Jahr beginnt an der blauen Küste meist am ersten Januar. Und das
nicht nur für die heimischen Meeresanwohner, nein auch für zufällig
anwesende Winterurlauber. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte lang, galt diese
Regel auch für Schreiberlinge. Der Jahresbeginn in diesem Jahr schien
sich nicht an diese schöne Tradition zu halten, wenigsten nicht für
mich. Drei
gesetztere Herren, ein Advokat, ein britischer Nachbar und ein
Dauertourist, beschlossen an einem sonnigen Dezembertag das alte Jahr
gemeinsam zu verabschieden und das Neue ebenso gemeinsam zu begrüssen.
Doch wer sollte dieses kleine Fest ausrichten, wer wollte ein Galadiner
für drei gute Esser kochen, wer dekorierte sein Heim dem Anlass
angemessen, wer nahm das leidige Aufräumen hinterher mit Freude in
Kauf. Keiner aus unserem Trio. Georgette,
meine Perle, hatte mir für den ersten Januar freigegeben, das heisst,
sie blieb zu Hause und ich wäre mit dem Abwasch und meinen
Kopfschmerzen alleine dagesessen. Jean,
der eingefleischte Junggeselle. lud sowieso nur ungern Jemanden in seine
Kemenate ein und D Punkt Foster, der Untertan ihrer Majestät, war, nach
eigenen Angaben, für Festivitäten jeglicher Art noch nicht gut genug
eingerichtet. Es
galt also ein geeignetes Etablissement zu finden. Wir wollten keinen
Schickimicki-Silvester, wir wollten uns auch nicht in einen Smoking zwängen,
ein gutes Diner, einen guten Champagner, nette Mitfeiernde und
vielleicht ein Tänzchen würden uns vollkommen genügen. Mit diesen
Vorgaben konnten wir alle grossen Restaurant und Nobeltempel an der
blauen Küste ausschliessen. Es war sowieso besser in Saint Raphael, in
einer Gaststätte die wir bequem zu Fuss erreichen konnten, den letzten
Abend des Jahres zu verbringen. Die
Bezeichnung des letzten Jahrestages im gregorianischen Kalender geht auf
Papst Silvester I. zurück. Er waltete von
314
bis zu seinem Tod 335 als Bischof von Rom. Seit dieser Zeit steht er mit
seinem guten Namen auf den Plakaten verschiedener Feste, Feiern und Anlässe.
Es wird Zeit, dass wir ihm seine ewige Ruhe gönnen und ihn von diesem
alljährlich wiederkehrenden Stress befreien. Man könnte doch den Tag
vor Neujahr auch Benedikt nennen. Dann gäbe es eine Benedikt-Soirée,
einen Benedikt-Ball, ein Benedikt-Gala-Diner und vielleicht sogar ein
Benedikt-Feuerwerk. Dem Joseph Alois würde das bestimmt gefallen. Dieses
Jahr feiern wir aber noch Silvester, im kleinen Rahmen, gemütlich und
doch festlich, der Dreierrat hat sich für das „chez
Gerard“ entschieden. Ein nettes, kleines, sympathisches Lokal im
Bistro-Stil, ganz nahe bei der Mairie,
dem Rathaus. Ich esse dort oft eine Plat
du Jour, Gerard ist aber
auch bekannt für seine frischen Teigwaren, seine Seezunge nach Art der
schönen Müllerin, er macht die beste Pizza in der Stadt, natürlich im
Steinofen. Und dieser nette Patron strahlt eine Gemütlichkeit, eine
Herzlichkeit aus, die meine Schritte immer wieder in sein Restaurant
lenken. Am
30. Dezember beehrte mich meine Perle Georgette das letzte Mal im alten
Jahr mit ihrer vertrauten Anwesenheit. Angepasst an das milde Wetter
trug sie einen ihrer mit grellem Blumenmuster bedruckten, etwas zu
kurzen Röcke. Diese bunten Stoffe gehören zu meiner Perle wie der
Don-Camillo-Hut zum Curé, sie sind ihr Markenzeichen. Bestimmt wird sie dereinst in
einem ihrer blumigen Kleider wie ein bunter Schmetterling in ein genauso
blumiges Jenseits entschweben, aber das liegt Gott sei Dank in weiter
Ferne, nomen
nescio,
vorläufig schwebt sie noch durch meine Wohnung. Da
ihr nächster Auftritt als Hausdame erst für den zweiten Tag im neuen
Jahr geplant war, wollte sie unbedingt noch eine Riesenportion Spaghetti
kochen, sie konnte doch ihren sympathischen Brötchengeber nicht dem
Verhungern aussetzen. Meinen Hinweis auf das Silvester-Diner und die
Erklärung, dass ich sonstige eventuell anfallende Mahlzeiten ausser
Haus einzunehmen gedachte, nahm sie kurz übel. Zur Strafe legte sie mir
einen von den von mir so gehassten dunklen Anzüge für den morgigen
Abend zurecht. Bevor
sie mich an diesem Tag meinem Schicksal überliess, musste sie unbedingt
noch etwas loswerden: „Monsieur Kurt“, flötete sie, „Monsieur
Kurt, was glauben sie, wer mich heute früh angerufen hat, es war ja so
eine Überraschung. Madame Jolicoeur war’s, ich bin ja jetzt mit ihr
per Du, seit ich im Chor bin, also Florence und Joël haben mich
eingeladen, für morgen, wir feiern zusammen Silvester. Und was meinen
Sie, was es zum essen gibt, was meinen Sie, he – eine Friture
bourguignonne, mit vielen Saucen, ich freue mich riesig“. Dem
Himmel sei Dank, sie sagte Friture und nicht Fondue. Ich habe nie
verstanden, wie man ein Fleisch-Fondue machen kann. Fondue kommt von
fondre, schmelzen. Was bitte wird hier geschmolzen, das Fleisch oder gar
das Öl. Die Rinderwürfel werden doch ins heisse Öl getaucht, ergo
frittiert. Ergo eine Friture bourguignon – ein Hoch auf meine
kulinarisch versierte Perle. Wir
freuten uns noch ein bisschen zusammen, Georgette dachte an die vielen
Saucen, ich eher an Champagner. Dieses Denken verleitete mich dazu, eine
Flasche der köstlichen Flüssigkeit aus dem Kühlschrank zu holen und
mit der Zierde meines Hauses auf ein glückliches Jahr anzustossen. Dann
verabschiedete sich meine Perle überschwänglich von mir, vielleicht
war sie schon ein bisschen beschwippst, sie vertrug ja nicht viel, der
Abschied fiel ihr sichtlich schwer, schliesslich sahen wir uns ja erst
im nächsten Jahr wieder. Sonnenschein
weckte mich am Morgen, Silvester zeigte sich von seiner schönsten
Seite. Ich begann den Tag mit einem ausgiebigen Bummel am Meer, diese
Spaziergänge sind Erholung pur für Geist und Seele. Die frische Luft
reinigt die Lungen und macht das Gehirn klar und aufnahmefähig.
Aufnahmefähig für all die Eindrücke die hier am Gestade auf mich
hereinprasselten. Jogger in Trainingsanzügen, ältere Herren die ihre
Hunde ausführten, Hausfrauen mit unter den Arm geklemmten Baguettes,
Windsurfer die den kühlen Morgenwind für ihren Sport nutzten,
Todesmutige die trotz dem kalten Wasser ein Bad nahmen, Kindermädchen
die den Kleinen in ihren schicken Kinderwagen die Wintersonne gönnten,
Clochards die sich nach einer Nacht in einer Nische am Strand die Zähne
mit Rotwein putzten, alles Eindrücke die ich vielleicht einmal für
eine Geschichte verwenden kann. Als
wir am Abend das „Chez Gerard“
betraten, trafen wir als erstes auf Jules, den
Galeriebesitzer vom Fréjus-Plage. Jules hat eine ganz kleine Macke, er
muss immer das letzte Wort eines Satzes wiederholen, manchmal
wiederholte er auch ganze Satzteile. Freudig begrüsste uns der
Galerist: „ Schön, dass ihr endlich das seid, da seid. Gerard sagte
mir, dass ihr auch kommen werdet, kommen werdet. Es wäre schön, wenn
ich mich an Euern Tisch setzen dürfte, setzen dürfte. Natürlich nur,
wenn es Euch nichts ausmacht, ausmacht“. Es machte uns nichts aus,
nichts aus. Das
Triumvirat wurde zum Quartett. Gerard
hatte sich mit der Dekoration viel Mühe gegeben, der Raum strahlte förmlich,
überall waren Kerzen aufgestellt, bunte Luftschlangen und Ballone in
allen Farben hingen von der Decke herunter, rote Alu-Folien kaschierten
das Buffet. Es wunderte mich nicht, dass die meisten der anwesenden Gäste
zur Stammkundschaft gehörten und uns deshalb auch bekannt waren. Es war
ein buntes Völklein, das sich zusammengefunden hatte, jedes Alter war
vertreten, der Jüngste war sicher erst siebzehn Jahre jung, die Älteste,
vielleicht seine Urgrossmutter, schätzte ich auf gut achtzig Lenze. Wir
vier brachten es gemeinsam auf lumpige 238 Jährchen, beim Gewicht hätten
wir mit einer stolzeren Zahl aufwarten können. Es
gab keine Speisenkarte, der Patron wollte seine Gäste mit einem Menu surprise verwöhnen, zum einstimmen servierte man uns Kir
Royle und gebackene Austern, wer Lust hatte, konnte sich auch an
hauchdünn geschnittenem Jambon du Haut Var gütlich tun, die Baguettes waren noch warm. In
den Backstuben herrscht auch am Silvester-Abend reger Betrieb, ein
Baguette schmeckt eben nur frisch so richtig gut, die Boulangers Raphaelois wissen genau, was sie ihren Kunden schuldig
sind. Gerard
annoncierte den ersten Gang: „Terrine
Forestière mit Trüffeln aus dem Luberon,
garniert mit einem kleinen Salade
Mesclun“. Jules, der manchmal etwas weltfremd war, wollte wissen,
was eigentlich ein Trüffel sei. Gott sei Dank hatten wir einen
Gelehrten, wenn auch nur einen Rechtsgelehrten, am Tisch, Jean konnte
den banausischen Galeristen aufklären: „Tuber
Melanosporum heisst diese Gattung Speisepilz bei uns Gelehrten, der Trüffel,
auch „der schwarze Diamant“ genannt, wächst unterirdisch und er
entfaltet sich herrlich zwischen Luberon
und Mont Ventoux, der Name kommt übrigens ursprünglich von dem
provencalischen Wort „Trufa“. Darum kommen die besten Truffes
auch aus der Provence, man nennt sie hier auch Rabasse. Genügt Dir
diese Erklärung, Monsieur Galeriebesitzer, oder soll ich Dir noch eine
Zeichnung machen?“ „Nein,
nein, genügt vollkommen, vollkommen, ich bin nur ein wenig verwirrt,
verwirrt. Meine Mutter kaufte die Trüffel immer in der Confiserie
Bernus, Bernus, sie nannte sie Truffe
du jour, du jour. Jetzt weiss ich wenigstens woher sie kommen, sie
kommen. Der Bernus taucht sie dann nur noch in die Schokolade, die
Schokolade, raffiniert, raffiniert“. Truffe
du jour oder Truffe du Luberon,
für Jules war das Thema erledigt, für uns auch. Hoffentlich ist er
nicht enttäuscht, wenn er in der Terrine keine Schokolade findet. Die Pause zwischen
dem ersten und zweiten Gang wurde uns musikalisch verkürzt. Ein junges,
überaus hübsches Mädchen in einer Provence-Tracht stellte sich mit
seinem Akkordeon in die Mitte des zum Odeon avancierten Bistros und
liess seine schlanken Finger über die Tasten tanzen. „Musette,
Musette“, jubelte Jules. Die junge Künstlerin war eine Virtuosin
auf ihrem Instrument, ihre „Perles
de Crystal“ liessen die Yvette
Horner alt aussehen. Bis zum heutigen Abend war die Horner die Reine
de Musette, jetzt sass ihr die Konkurrenz im Nacken, die Königin
wird’s verkraften, sie ist ja schon über achtzig. Die Prinzessin
beendete ihr kleines Konzert mit einem Prestissimo,
die Finger tanzten über die Knöpfe, das Finale war furios. Jules fand
es grossartig, grossartig, der Rest vom Quartett war ganz einfach
begeistert. Der
weitere Abend verlief unserer Vorstellung entsprechend, wir assen und
tranken und lachten, und lachten und tranken und assen, dann tranken und
lachten wir nur noch. Mitternacht rückte immer näher, es wurde Zeit,
den Champagner zu bestellen. D Punkt wollte beweisen, dass auch ein
britischer Untertan grosszügig und ein Kenner sein konnte und orderte
einen Dom Pérignon, wir wären auch mit einem Roederer Cristal
zufrieden gewesen. Aber es stimmt schon, was dieser Dom Pérignon 1668
als Kellermeister der Abtei Hautvillers erfand, war ein Hochgenuss. Schlag
zwölf Uhr hiess es dann „Bonne
Année, bonne Année“, allgemeines zuprosten, bonne
Année, allgemeines Küsschen geben, bonne
Année, alles Gute im neuen Jahr, gute Geschäfte, Prosit, bonne
Année. Türen und Fenster wurden geöffnet, wir hörten die Glocken
der Basilika. Die frische Luft tat uns gut, das neue Jahr konnte
beginnen. Bonne Année. Es
begann mit einer weiteren Überraschung, Gerard hatte eine
Travestie-Truppe aus Cannes engagiert, diese Art der leicht angehobenen
Unterhaltung kommt anscheinend immer mehr in Mode. Die Herren Damen
lassen bitten. So stöckelten also vier Grazien auf Schuhen mit extrem
hohen Absätzen die Treppe vom oberen Stock einigermassen aufrecht in
die unteren Gefilde. Wer weiss, vielleicht waren diese Schönheiten sehr
belesen und gingen nur deshalb auf diesen Bleistift-Absätzen, weil
Travestie auch in der Literatur heimisch ist, dort einen besonderen
Schreibstil bezeichnet, eine Form des
parodistischen Schreibens. Jules
jedenfalls war begeistert: „Das sind wirklich sehr schöne Damen, sehr
schöne Damen.“ Die Aufklärung von Jean kam prompt: „Jules, das
sind keine Damen, das sind Männer, verstehst Du, Männer, M-ä-n-n-e-r,
Männer“. War es nun schon der Alkohol oder war der Galeriebesitzer
wirklich am vertrotteln, seine Antwort deutete eindeutig auf das zweite:
„Blödsinn, schau die nur mal diese Busen an, sind das Busen! Und dann
diese herrlichen langen Beine, langen Beine. Wenn das keine Damen sind,
will ich nicht mehr Jules heissen, Jules heissen“. Die lakonische
Antwort von Jean: „Dann heisst Du halt ab sofort Juliette“. Die
Show war gar nicht so übel, einige Persiflagen gefielen mir sogar sehr
gut, am Schluss applaudierten wir nicht nur aus Höflichkeit. Sogar
Donald Foster schien es gefallen zu haben, auf jeden Fall bestellte er,
der englischen Tradition gehorchend, eine Flasche Whisky und vier Gläser.
Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich Whisky mag. Das heisst, mögen
schon, aber vertragen? So nach dem dritten, vierten oder was weiss ich
wievielten, verschwamm meine Umgebung ganz leicht, aber wirklich nur
ganz leicht, vor meinen Augen. Und kurz nach Zwei Uhr, oder war es kurz
vor Drei, verlor mein Geist das weitere Interesse an dieser
Neujahrsnacht und machte sich mit mir auf den Heimweg. Es
war neun Uhr am nächsten Morgen, als ich mich frisch und von
erquickendem Schlaf erholt von meinem Lager erhob. Ich brauche halt
nicht viel Schlaf. Die Silvesternacht hatte erfreulicherweise keine
Nachwirkungen hinterlassen, kein Brummschädel machte sich bemerkbar,
mein Magen zeigte keine Anzeichen von Rebellion. Ich sprang unter die
Dusche, kleidete mich schnell an und beschloss, meinen Espresso und ein
Croissant auf der Terrasse vom Excelsior zu geniessen. Die
Stadt zeigte sich an diesem ersten Tag im neuen Jahr von ihrer besten
Seite. Strahlend blauer Himmel, ein mildes Lüftchen, Temperatur 16°.
Da wo die Sonnenstrahlen die Tische der Strassencafés erreichten, war
es angenehm warm. Auf den Strassen hörte man immer noch das fröhliche
„Bonne Année“. Auf der
Terrasse von meinem Stamm-Restaurant genossen schon viele Frühaufsteher
ihr petit Dejeuner. Ich genoss
nach meinem Café noch einen Ricard und machte mich dann zu einem kurzen
Bummel an den Port Santa Lucia
auf. Die
Uhr der Basilika schlug zwölfmal, als ich mich auf den Heimweg machte.
Beim Betreten meines Imperiums bemerkte ich einen Hauch von Parfum, ein
Parfum, das kürzlich von meiner Perle erworben wurde. Sie kaufte es,
als sie so ein kleines bisschen in Monsieur Fosté verliebt war.
Georgette weigert sich, wie sattsam bekannt, den Namen Foster als Fostär
auszusprechen, sie bleibt hartnäckig bei Fosté. Doch das steht hier
eigentlich gar nicht zur Debatte, es geht um den Duft in meinem Heim.
Meine Hausdame löste dieses Rätsel mit ihrem Auftauchen aus meiner Küche. „Monsieur
Kurt, da sind sie ja endlich, ich habe uns Penne all’arrabbita
gekocht. War es schön bei Gerard, die Florence hat mir ein superbes
Silvesterfest geboten, der Joël war zwar immer müde, aber es war sehr
schön. Hoffentlich haben sie Hunger“. Ich
war etwas verwirrt: „Liebe Georgette, Sie wollten doch erst am zweiten
Januar wieder kommen, Sie wollten doch heute ihren Sohn besuchen. Ich
schätze es, wenn Sie dauernd für mich da sind, aber man kann es doch
auch übertreiben. Warum gehen Sie nicht zu ihrem Filius, ich wollte
heute Abend sowieso im „L’autre Saison“ essen, im Moment habe ich gar keinen Hunger“. Meine
Hausdame schaute mich an wie einen Besucher von einem anderen Stern, der
keine Ahnung vom Leben auf unserem Planeten hat, leicht irritiert und
mit einem Fragezeichen auf der Stirn. Sie schluckte vernehmlich und
sagte dann mit ganz sanfter Stimme: „Monsieur Kurt, heute ist der
zweite Januar, Berchtolstag, Silvester war vorgestern. Gestern war
ich bei meinem Sohn, wir hatten es sehr schön. Ich habe Ihnen auch eine
Zeitung mitgebracht“. Auf dem Tisch lag der „Nice Matin“, Ausgabe vom 2. Januar. Gut, Zeitungen schreiben
immer, oder wenigstens meistens, die Wahrheit, aber man liest doch auch
oft von Druckfehlern. Auf der ersten Seite wurde die Neujahrsansprache
des Präsidenten der grande Nation
gewürdigt. Ansprachen zum neuen Jahr halten Staatsoberhäupter in der
Regel am ersten Januar. Heute war eindeutig der Zweite. Aber wo, in drei Teufels Namen, wo
blieb mein erster Januar. Ich werde meine grauen Zellen nicht weiter
beanspruchen, dieses Jahr haben wir ein Schaltjahr, da gleicht sich das
Ganze automatisch aus. Und nächstes Jahr gehe ich an Benedikt schon um
elf Uhr ins Bett, wache am ersten Januar auf und belächle am Zweiten
die armseligen Verirrten, die auf der Suche nach dem verschwundenen Tag
sind. Oder ich gehe wieder zu Gerard und beginne das neue Jahr bewusst
einen Tag später, Schaltjahr hin oder her. Am selben Abend kam D Punkt noch auf einen Sprung bei
mir vorbei. Er erzählte mir genüsslich eine Geschichte von einem älteren
Herrn, der am frühen Neujahrsmorgen von seinen beiden hilfreichen
Begleitern nach Hause gebracht werden musste, er schmückte die Story
auch noch auf eine penetrant perfide Art mit unwichtigen Nebensächlichkeiten.
Es war eine banale, ja beinahe unglaubwürdige Geschichte, es lohnt sich
auf keinen Fall, dass ich sie hier wiedergebe.
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