| Geschichten aus Filet im Teig - Irrwege eines Epikureers von Kurt Myltz |
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Eine Languste namens Georgette Ich
glaube, die Provence ist das meist beschriebene, besungene oder gemalte
Fleckchen Erde. Viele grosse Künstler wurden von der Farbenpracht, den
ganz besonderen Lichteffekten, den Düften und nicht zuletzt von den
Menschen dieser herrlichen Gegend inspiriert.
Ein
“Imperium der Sonne” nannte Frédéric Mistral die Provence. Marcel
Pagnol beschrieb die bizarre Bergwelt in den Alpes-de-Haute-Provence
genauso phantastisch wie das Hafenmilieu der Côte d´Azur. Der
erste erhielt den Nobelpreis für Literatur, der zweite war Mitglied der
Académie Française.
Mistral,
der Linguist, schrieb viele seiner Werke in provenzalischer Sprache, für
deren Erhalt und Wiederbelebung in der Literatur setzte er sich, mit
anderen Kollegen zusammen, in der Félibrige-Bewegung ein.
Der
Maler Paul Cézanne
war ein Sohn von Aix-en-Provence, allerdings wurde er lange verkannt. Joan
Miró, Georges Braque und Henri Matisse schufen in Zusammenarbeit mit
dem katalanischen Architekten Sert ein Gebäudeensemble für die
Fondation Maeght, das sich harmonisch in die mediterrane Landschaft um
Saint-Paul de Vence einfügt. Darf ein kleiner Schreiberling nicht genau so
begeistert von dieser grandiosen Landschaft sein, wie all die Maler,
Bildhauer, Literaten und Musiker. Darf er nicht genau so schwelgen im Überfluss
der Farben und der Düfte. Darf er sich nicht verlieben in die Menschen,
die mit ihrem Charme, ihrer Gelassenheit, ihrer Sprache und vor allem
mit ihrem savoir vivre, den Reiz dieser Gegend ausmachen. Er
darf. Wenn man bedenkt, dass Picasso von Cézannes
beeinflusst wurde, warum soll ich mich dann nicht von Mistral oder
Pagnol beeinflussen lassen. Einfluss bleibt Einfluss. Bei vielen
fruchtet er sofort, ich hänge leider immer noch in der Warteschleife. Dafür hängt in meinem Arbeitszimmer ein Gemälde
von Cézanne, die Bucht von Marseille. Er malte es 1885 und das Original
ziert dummerweise
eine Wand in irgendeinem Museum in Chicago. Bei meinem Werk war der
Rahmen teurer als der Druck, der jedoch sehr gut gemacht ist. Ich habe
ihn nicht versichert. Aber ich besitze einen echten Myltz. Den malte mir
mein Sohn, als er zum ersten Mal verliebt war. Seine Angebetete war zwar
ein Jahr älter, sie ging aber in denselben Kindergarten. Und ich ging gestern wieder einmal nach Cannes.
Nicht allein, mein neuer Freund Philippe, der Ex-Hotelier aus dem
Elsass, begleitete mich. Die Festival-Stadt ist nur knappe zwanzig
Minuten Zugfahrt von Saint Raphael entfernt. Nach einem, wie könnte es anders sein, kurzen
Pastis-Zwischenhalt in einer kleinen Bar vis-a-vis vom Bahnhof,
schlenderten wir gemächlich Richtung Rue d’Antibes. Ein Besuch
dieser Flaniermeile gehört zum Pflichtprogramm eines jeden
Cannes-Touristen. Dabei hält die d’Antibes einem Vergleich mit
anderen Prachtstrassen, rein optisch, wie zum Beispiel der Bahnhoftrasse
in Zürich, nicht stand. Am ehesten noch mit La Rambla in Barcelona.
Die Rue d’Antibes hat nämlich zwei
Gesichter, ein unteres und ein oberes. Die Diskrepanz ist auffällig,
auf Augenhöhe die vornehmen Geschäfte der
Nobelanbieter, darüber die bröckelnden, von der Meersalzluft
verwitterten Fassaden. Sie kommt mir vor wie eine alte Bäuerin aus dem
rauen Hinterland beim sonntäglichen Kirchengang. Unten das gute
Festtagskleid, darüber das von Wind und Wetter gegerbte Gesicht. Die Preise der angebotenen
Waren in den Auslagen sind so stolz wie die Verkäufer, die sich für
die Eilte dieser Berufsgruppe halten. Es gibt zwar, wenn auch spärlich,
Geschäfte für den nicht allzu grossen Geldbeutel. Doch im Grossen und
Ganzen war, ist und bleibt die Rue d’Antibes eine
Luxus-Einkaufsstrasse. „Als ich vor Jahren einen flüchtigen
Bekannten aus New York per Zufall hier in
dieser Strasse
traf, wunderte ich mich schon damals über die überhöhten
Preise“, erzählte Philippe. „Dieser Ami, er hiess James, hatte in
seinem Leben noch nie gearbeitet. Er war Fils à Papa, Sohn von
Beruf, sein Vater war ein richtiger Nabob, ein Protz, der Sohn erbte
nicht nur diese unangenehme Eigenschaft, sondern auch noch ein
Riesenvermögen. Ihn störte es gar nicht, dass man beim Nobel-Chemisier
in der d’Antibes für ein gewöhnliches Hemd über 200 Euro
bezahlen musste. Als ich erwähnte, dass sich ein gewöhnlich
Sterblicher solchen Luxus gar nicht leisten könne, was meinst Du, was
der mir antwortete“. Philippe
zauberte eine Zornesfalte auf seine Stirn, dann durfte ich die Antwort
des amerikanischen Angebers erfahren: „Wer sich einen
Einkaufsbummel auf der 5th Avenue nicht leisten kann, hat auch in der Rue
d’Antibes nichts verloren“. Philippe war richtig wütend: „Ich
hätte ihm am liebsten eine geknallt. Was bildete sich dieser Fatzke
ein. Es ist halt schon so, Geld kann den Charakter ganz schön
verderben“. Was
war ich doch für ein Glückspilz, bei mir konnte das nur spärlich
vorhandene Geld dementsprechend nichts verderben. Es
ging schon auf Mittag zu, wir hatten langsam Hunger. Unser eigentliches
Ziel war ja die Rue Meynadier, doch diesem kulinarischen
Erlebnis-Strässchen sollte man mit knurrendem Magen keinen Besuch
abstatten. Überfüllte Einkaufs- und überleere Brieftaschen wären die
verheerenden Folgen. In
der Rue Félix Faure wartete eines meiner Lieblingsrestaurant auf
uns. Das Caveau
30,
eigentlich Le
Caveau des Années 30.
Ein hinreissend schönes Etablissement, das Interieur im Art Deco Stil
der dreissiger Jahre. Kompetenter und freundlicher Service, die Karte lässt
keine Wünsche offen. Gleich beim Eingang türmen sich Austern und
anderes Meeresgetier auf, der Umsatz ist enorm. Hier kann man mit
Sicherheit die absolut frischeste Ware geniessen. Wir
genossen, nach ein paar Austern,
Fines de claires n° 3, ein Caquelon de
homard façon thermidor. Köstlich. Dazu leisteten wir uns einen Domaine
Ott Rosé Coeur De Grain. Genau so köstlich. Und zum Café den
besten Armagnac, X.O. Larressingle, notabene 5 cl. Einfach köstlich. Während
wir unsere Digestif genossen, erzählte Philippe kleine Histörchen aus
der Belle Epoque: „Kurz vor der Jahrhundertwende, so um 1895, war das Lapérouse
eines der angesagtesten Restaurant in Paris. Hier
traf sich Tout-Paris littéraire, von Maupassant bis Zola, von
Alexandre Dumas bis Victor Hugo. Später schrieb hier Colette ihren
Roman „La Chatte“. Das Lapérouse wurde in einem
Atemzug mit dem Grand Véfour, Tour d’Argent und Maxim’s genannt.
Zu Beginn und bis in die Mitte des XX Jahrhunderts gaben sich
hier die Grossen der Welt ein Stelldichein: der
Aga Khan und seine Bégum,
der Herzog von Windsor mit seiner Wallis, Orson Welles, Jules Romains,
Marcel Achard und viele mehr“. Ich
war etwas ratlos: „Woher weisst Du das alles, das war doch lange vor
Deiner Zeit. Gehörst Du vielleicht zu den Auserwählten, die Dank der
Reinkarnation schon einmal hier waren?“ Schmunzelnd
klärte er mich auf: „Ich
hatte einen Mentor, der mir viel über die gute alte Zeit berichten
konnte. Als aufmerksamer Zuhörer habe ich seine Erzählungen in einer
Ecke meines Cerebrums gespeichert und kann jetzt jederzeit damit angeben
und Leute wie Dich beeindrucken“. Philippe
lehnte sich genüsslich zurück: „Eine damals vielgefragte Spezialität
von Lapérous war ein Langustengericht, das nach Deiner Perle
benannt war: Le gratin de langoustines Georgette. Das sind in
Sahne und Cognac mit Champignons und Estragon gekochte Langusten, die
mit einer roten Sauce angerichtet, mit geriebenem Käse bestreut und im
heissen Ofen überbacken werden. Das Rezept kreierte Monsieur Charles
Delorme, zu der Zeit der chef de cuisine bei Lapérouse.
Es ist vielleicht
etwas aufwendig, aber Du könntest es doch einmal für die Namensgeberin
kochen“. Ich
dachte nicht im Traum daran, meine Perle so übermässig zu verwöhnen,
kaufte aber in der Meynadier später trotzdem eine
Prachts-Languste, natürlich schon gekocht. Ich nannte sie Georgette.
Ausgarnieren werde ich sie morgen mit gekochten Eiern und Cherrytomaten,
richte ich sie auf einem Salatbett an und serviere sie eiskalt mit einer
herrlichen Sauce Remoulade. Eiskalt
machte mir mein Haushaltsvorstand am nächsten Morgen einen Strich durch
die Rechnung. Krächzend schmetterte mir schon Frühmorgens um acht ihre
liebliche Stimme aus dem Telefon ein fröhliches Bonjour Monsieur
in mein, um diese Zeit noch nicht ganz waches, Hörorgan. Bevor ich zurückkrächzen
konnte, sprudelte sie munter drauf los: „Ich werde heute nicht kommen.
Ich fahre mit den Jolicoeurs nach Draguignan auf den Flohmarkt,
anschliessend gehen wir chic essen, ich bin eingeladen. Soll ich Ihnen
auch etwas kaufen, manchmal findet man ganz hübsche Sachen, morgen
komme ich bestimmt. Au revoir, Monsieur“. Auch
gut, ich lud meinen Nachbarn Donald zum Langustenschmaus ein, der
brachte nicht nur zwei Flaschen bereits gekühlter, herrlichen Blanc de
Blanc mit, sondern auch noch eine Trüffel aus dem Luberon. Ich hobelte
feine Scheibchen der schwarzen Knolle über die kalte Georgette. Zwei
alte Knaben gerieten ins schwärmen. Meine
Perle schwärmte am nächsten Tag vom wunderbaren Essen in Draguignan,
das ich, in ihren Augen, leider verpasste. Zur Entschädigung kochte sie
mir ihre weit herum berühmten Spaghetti à la Georgette, wahrscheinlich
nach einem uralten Geheimrezept aus dem Pariser Lapérouse.
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