| Geschichten aus Filet im Teig - Irrwege eines Epikureers von Kurt Myltz |
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Es grünt so grün Der
Sommer hatte uns noch fest im Griff, kein einziges Wölklein zeigte sich
am stahlblauen Himmel. Die Sonne strahlte vom frühen Morgen bis kurz
vor der Dämmerung, dann konnte man sie leider nicht mehr sehen. Die
Touristen erfreuten die Einheimischen durch ihre dezente Fröhlichkeit,
nicht selten auch durch liebliche Gesänge, sogenannte Serenaden, die
sie wegen der Hitze nicht am Abend, sondern erst in der Nacht darboten.
Vielfach endeten diese Genüsse in Aubaden. Natürlich gab es auch
amusische Bewohner unserer schönen Stadt, die sich an diesen
Darbietungen störten. Doch das lag sicher nur daran, dass sie am nächsten
Morgen wieder zur Arbeit mussten und somit schlecht gelaunt waren. Auch
Touristen können es halt nicht immer allen recht machen. Mich haben
diese Ständchen nie gestört, in meinem Quartier gibt es praktisch
keine Feriengäste. Es
hatte seit Wochen nicht mehr geregnet. Im Hinterland war die Erde
staubtrocken, die Gras-Streifen entlang der Autobahn dösten in kümmerlichem
braun vor sich hin, die Hitze weichte den Asphalt auf. Die Dörfer sahen
am Nachmittag wie ausgestorben aus, an den Häusern waren die Fensterläden
geschlossen, die Jalousien heruntergelassen. Wer jetzt keinen triftigen
Grund fand, sein kühles Wohnzimmer zu verlassen, musste sich unbedingt
einer verlängerten Siesta hingeben. Midi dans le Midi. Doch
hier vorne, an der blauen Küste, war alles grün. Die Blumen zeigten
ihre satte Farbenpracht, die Oleander-Büsche prahlten mit ihren roten,
rosa und weissen Blüten. Die grossen Wassertankwagen vom Gartenbauamt
waren schon am frühen Morgen unterwegs, spritzten die Strassen und
Trottoirs sauber und versorgten die Pflanzen mit dem köstlichen Nass.
Die Grünanlagen am Meer verdankten ihr frisches Aussehen den überall
installierten Sprinkleranlagen. Und die Touristen wiederum dankten der
Stadt, indem sie ihr kleine Andenken in den Parks hinterliessen. Leere
Cola-Flaschen, Styroporschachteln vom Mac-Sowieso, halbvolle
Konservendosen und viele andere Aufmerksamkeiten. Ihre
Naturverbundenheit bekundeten sie dadurch, dass sie barfuss über den
Rasen und die Blumenbeete trampelten, um möglichst schnell zum Bistro
auf der anderen Strassenseite zu gelangen. Der zeitlich stets gestresste
Feriengast war halt auf solche Abkürzungen angewiesen. In
meinem Appartement war es trotz der Augusthitze schön kühl. In der
Nacht frischte es immer etwas auf. Wenn dann meine Perle am Morgen alle
Fenster schloss und der Klimaanlage gut zuredete, konnte ich in meinem Séjour
die heisse Zeit bestens überstehen. Manchmal war ich sogar in der Lage,
einige Zeilen zu schreiben, aber wirklich nur manchmal. Es gab im Sommer
ja auch viele andere Möglichkeiten, seine Zeit sinnvoll zu verbringen,
als dieses doofe Ringen nach Sätzen. Sätze, die man notabene sowieso
wieder löschen musste, da sie keinem Leser zugemutet werden konnten.
Man könnte zum Beispiel über den Markt schlendern, oder sich unter die
Badenden am Strand mischen, auch eine Runde Pétanque auf dem Place
Boulodrome wäre nicht auszuschliessen. Dann gäbe es ja auch noch
die Möglichkeit, auf der bekannten Terrasse am Meer mit guten Freunden
und einem kühlen Rosé auf den morgigen Festtag anzustossen. Denn
morgen ist der fünfzehnte August und wir feiern die Aufnahme Mariäs in
den Himmel. Im
5. Jahrhundert führte Cyrill von Alexandrien ein Marienfest ein, das
Datum legte er auf eben diesen fünfzehnten August. 1950 wurde die
Himmelfahrt der Mariä von Papst Pius XII zum Dogma der römisch-katholischen
Kirche erhoben. Ob er dabei an ein Feuerwerk dachte, ist nicht überliefert,
wir feiern diesen Tag jedenfalls alljährlich mit einem grossen Feu
d’artifice. Das pyrotechnische Wunderwerk wird jeweils vom Meer
aus in den Abendhimmel geschossen. Dieses Jahr sollten wir sogar in den Genuss von
exklusiven Logenplätzen kommen. Mein langjähriger Freund und Ex-Patron
vom alten Continental, Maurice, hatte sich, nach seinem Rückzug ins
Privatleben, in einem schönen Gebäude zwischen Excelsior und Grand
Casino ein Appartement gekauft. Knappe dreissig Meter vom Strand
entfernt, nur die Strasse trennte das Haus vom Meer. Seine Frau, die
rassige Ani, starb leider schon kurz nach dem Einzug. Sie konnte das
Privatleben nicht lange geniessen. Seither hatte sich Maurice etwas zurückgezogen.
Man sah ihn nur noch selten in der Stadt, gute Freunde waren aber bei
ihm stets willkommen. Er kam auch gerne zu mir zu Besuch, oft ass er
dann mit uns und zeigte sich von einer immer noch lebensfrohen Seite. Wir waren also eingeladen, den Abend des Festtages bei
ihm zu verbringen. Wir, das waren einige seiner besten Freunde, ich
durfte mich auch dazu zählen, und Georgette. In grauer Vorzeit führten
Maurice und Ani das Hotel Canastel in Arcole, einer Stadt in der Provinz
Oran in Algerien. Und meine Perle, damals war sie noch eine kleine Tänzerin,
trat im Casino des Hotels auf. Sie arbeitete sich zur Chefin der
Tanztruppe auf und genoss nach kurzer Zeit bereits Familienanschluss,
Patron und Patronne wurden ihre Freunde. Ein Beinleiden beendete schon
bald die Karriere. Als Maurice das Conti übernahm, war sie noch ein
paar Jahre so etwas wie Mädchen für alles im Hotel. Sie servierte,
animierte, machte Einkäufe oder nervte die Gäste. Dann heiratete sie,
gebar einen Knaben, wurde von ihrem Mann verlassen. Mein Freund Jean war
schon damals Gast an der Bar von Ani, er freundete sich mit Georgette an
und drängte sie, Jahre später, schlussendlich mir als Stütze meines
Haushaltes auf. Ich werde ihm ewig dankbar sein. Ich wurde beauftragt, für den morgigen Abend einige Häppchen, sogenannte Amuse-Gueule,
vorzubereiten. Getränke brauchte Maurice keine zu kaufen, sein
Weinkeller machte einem Ex-Hotelier alle Ehre. Zur allgemeinen
Unterhaltung hatte er meine Perle miteingeladen. Wir konnten uns also
auf einen vergnügten Abend freuen. Und von seinem Balkon
hatten wir die beste Sicht. Nicht auf die Himmelfahrt, auf das
Feuerwerk. Den
Nachmittag des Festtages verbrachte ich in meiner Küche mit der
Zubereitung der angeforderten Häppchen. Thunfischbrötchen, Canapés
mit Schinken, Käse und Räucherlachs, mit Frischkäse, Bergkäse und
Roquefort. Und natürlich eine Schüssel Tapenade. Diese köstliche
Olivenpaste schmeckt herrlich auf gerösteten Baguette-Scheiben. Da man
sie im Kühlschrank über Wochen aufbewahren kann, machte ich gleich
eine Riesenportion. Das Wort Tapenade leitet sich nicht von der
schwarzen Olive, sondern von der Kaper ab. Tapena heisst auf
provenzalisch Kaper. Zuerst
musste ich die schwarzen Oliven entsteinen. Keinem Südfranzosen käme
es in den Sinn, bereits entsteinte Oliven aus dem Glas zu verwenden.
Folglich ist diese mühselige Arbeit auch für mich ein Muss. In den
Mixer kommen ausser den Oliven noch Kapern und Sardellen, Knoblauchzehen
und Olivenöl, etwas Senf und einige Basilikumblätter. Mixen, bis eine
geschmeidige Paste entstanden ist, salzen und pfeffern, fertig. Obwohl
das Feuerwerk erst nach zweiundzwanzig Uhr begann, sassen bereits um
acht Uhr fünf wackere Herren im gesetzten Alter und eine genauso
wackere Dame, in noch gesetzterem Alter und einem bunten
Blumenmusterkleid, auf dem Balkon ihres Gastgebers. Maurice servierte
uns einen gut gekühlten Rosé aus dem Chateau Roseline. Auf
dem Square de Gand unter uns herrschte schon reger Betrieb. Wir
hatten von unserer Warte aus auch die Terrasse vom Excelsior im Blick,
Madame Wilt und ihr Weingutbesitzer hatten sich dort bereits
installiert. Bestimmt liess auch der Curé nicht mehr lange auf sich
warten. Unsere Logenplätze waren wirklich grossartig. Das
einzige weibliche Wesen in unserer Runde wartete noch mit einer
sensationellen Überraschung auf. Stolz präsentierte sie uns eine
grosse Schachtel mit bengalischen Streichhölzern. Fünf längst aus den
Kinderschuhen herausgewachsene Herren schauten sich leicht konsterniert
an. Georgette schien sich ihrer geglückten Überraschung sicher, stolz
wedelte sie mit ihrer bengalischen Errungenschaft vor unseren Nasen
herum. „Schau
an“, Jean setzte sein charmantestes Lächeln auf, „die Schachtel mit
der Streichholz-Perle“. Georgettes Schnauben machte ihn umgehend auf
seinen ganz bestimmt unbeabsichtigten Fehler aufmerksam. „Verzeihung,
ich meinte natürlich, die Perle mit der Streichholzschachtel“. Die
Schachtel nahm die Korrektur freudig zur Kenntnis. Zum Dank durfte sie
in die Küche, die Baguette-Scheiben wollten geröstet werden. Die
Zeit bis zum Feuerwerk verbrachten wir mit trinken, essen, plaudern, den
Leuten unten auf der Strasse zuschauen, trinken, essen, es wurde uns
nicht langweilig. Die Strasse und die Strandpromenade waren jetzt mit
Tausenden Schaulustiger besetzt. Die Restaurants am Strand waren
rappelvoll, im Sand hatte sich die Jugend niedergelassen. Punkt
zehn Uhr war es dann soweit, die Lichter gingen aus, das Orchester, das
später zum Tanz aufspielte, intonierte die Marseillaise, die erste
Rakete explodierte hoch oben mit lautem Knall. Und dann ging es Schlag
auf Schlag, riesige Bouquets stiegen in den Himmel, zerteilten sich in
viele kleine Sternchen. Krepierte vor Jahren noch jede zweite Rakete
schon kurz nach dem Start, endete nach wenigen Zentimeter im Meer,
schafften es heute die meisten bis ganz hinauf. Es war ein prächtiges
Schauspiel, goldene Kometen wechselten sich mit in allen Farben
strahlenden, leuchtenden Sternen ab. Nach einer Viertelstunde kündigte
ein mächtiges Schlussbouquet das Ende an. Die Pyrotechniker auf ihren
Flossen wurden mit einem lang anhaltenden, kräftigen Applaus belohnt,
die Lichter gingen wieder an. Das Orchester eröffnete den Tanz mit
einem feurigen Rumba. Wir
genossen bis weit nach Mitternacht den lauen August-Abend, unter uns
brodelte die Menge, etwas weiter vorne wurde getanzt. Es war wieder
einmal eine schöne Himmelfahrt, Mariä sei Dank. Am nächsten
Morgen teilte mir meine Perle fernmündlich mit, dass sie etwas später
kommen würde, sie hätte ganz zufällig noch einen freien Platz bei
Gilbert, dem angesagten Figaro in der Stadt, ergattern können. So eine
Gelegenheit konnte sie sich natürlich nicht entgehen lassen, ausserdem
sei ein Friseurbesuch schon längst fällig. Als sie
dann endlich kam, war sie nicht nur fuchsteufelswild, sie trug auch ein
Kopftuch. Blau, mit weissen Efeu- oder sonstigen Ranken. Absolut
unpassend zu ihrem orangefarbenen Blumenmusterkleid. Soviel mir bewusst
war, stand im August kein Frühlings- oder sonstige Putz an. Das wäre
wenigstens noch ein nahe gelegener Grund für diese Haar-Verdeckung
gewesen. Auch ihr feuerrotes Gesicht liess keine näheren Rückschlüsse
zu. Gott
sei Dank liess mich mein Haushaltsvorstand nicht lange im Ungewissen,
umgehend wurde ich aufgeklärt: „Monsieur Kurt“, keifte die zornige
Kopftuchträgerin, „wenn Sie wüssten was mir passiert ist. Sie werden
es nicht glauben, ich bin jetzt noch völlig echauffiert. Dieser
Gilbert, dieser talentlose Friseur, darf der sich überhaupt so nennen,
dieser Stümper, glauben Sie, dass ich ihn verklagen kann, was der mir
angetan hat grenzt schon an Körperverletzung. Unglaublich, wussten Sie,
dass die Wilt von ihm schwärmt. Bestimmt gibt sie ihm horrende
Trinkgelder und wird deshalb besser bedient. Aber mit mir, einer
schwachen Frau mit wenig Geld, mit mir kann er das ja machen. Was sagen
jetzt Sie dazu?“ Am
besten gar nichts. Ich wusste ja nicht einmal, was dieser Gilbert meiner
Perle denn so gar Schreckliches angetan hatte. Von wegen Körperverletzung,
der Körper stand doch völlig unversehrt vor mir. „Ha“,
mit einem furchtbaren Schrei riss sich Georgette das blaue Tuch mit den
weissen Efeu- oder sonstigen Ranken vom Kopf. „Da, sehen Sie es
jetzt?“ Grün.
Ihre Haare waren grün. Grün wie der frisch gesprinklerte Rasen im Park
am Meer. Wo waren ihre Naturblonden Locken. Dazu kam noch, dass das Grün
überhaupt nicht zu ihrem feuerroten Gesicht passte. „Dabei
wollte ich nur meine Farbe ein bisschen auffrischen, nur eine leichte Tönung.
Ich soll nächste Woche noch einmal vorbeikommen, dann will dieser
Verbrecher versuchen, das Grün in Blond umzuwandeln. Wenn ich bis dann
nicht vor Scham gestorben bin, gehe ich vielleicht hin. Bis auf weiteres
werde ich dieses blöde Kopftuch tragen. Aber verklagen werde ich ihn,
Sie müssen unbedingt mit Maître Jean reden“. Wütend schlang sie das
blöde Tuch wieder um ihr saftiges Grün. Ich
weiss gar nicht, warum meine Perle so aufgebracht war, jetzt sah man
wenigstens ihren grauen Haaransatz nicht mehr. Und Grün ist bekanntlich
die Farbe der Hoffnung. Wie singt doch die Eliza Doolittle: Es grünt so grün.
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