| Geschichten aus Filet im Teig - Irrwege eines Epikureers von Kurt Myltz |
| aaaaa |
|
Filet im Teig Man
kann ihn nicht als ausgesprochenen Sympathieträger bezeichnen. Seine
hohe Nuschelstimme passt absolut nicht zu seinem massigen Körperbau,
die Glatze über dem Vollmondgesicht versucht auch nur kläglich vom
leichten Silberblick abzulenken. Irgendwie erinnert er mich an den
Obereunuchen in Lehàr’s Land des Lächelns. Wobei dieser natürlich
keine Hawaii-Hemden trug. Auch
sein Name, Hubert, passt nicht so richtig zu ihm, bedeutet Hubert doch denkender Geist, Verstand. Er ist gebürtiger Österreicher, erbte vor
etlichen Jahren ein kleines Vermögen und tummelte sich fortan als
Privatier an der blauen Küste. Er besitzt am Fréjus-Plage ein
Appartement, ganz in der Nähe vom Heim meiner Perle. Georgette war es
auch, die uns mit „Monsieur Übähr“ bekannt machte. Jules, der Wörterwiederholende Galeriebesitzer vom Fréjus-Plage,
verstand bei der Vorstellung des Glatzkopfes wieder einmal miss. Bei der
Herkunfts-Erwähnung, L’Autriche, also Österreich, verstand unser
Repetierer L’Autruche, Straussenvogel. Und so wurde aus dem Österreicher
Hubert Monsieur L’Autruche, Herr Strauss. Wenigstens für Jules,
Jules. Seit geraumer Zeit treffen sich am Donnerstagnachmittag einige Herren im
fortgeschrittenen Alter zu einem hochintellektuellen Stammtisch auf der
Terrasse des Excelsior. Philippe,
der Ex-Gastronom, Jean, der beinahe Ex-Advokat, Lionel, der
Ex-Weintrinker und gegenwärtige Temporärabstinenzler sowie ein
Immernochschreiberling bilden den harten Kern dieser geistvollen Runde.
Gut, Lionel verwässert den Volumenprozentedurchschnitt, aber nur
leicht, die restlichen Stammtisch-Brüder opfern sich und sorgen so für
den gerechten Ausgleich des Prozentepegels. Jules kann an diesen Nachmittagstreffen
nicht teilnehmen, der muss seine Galerie hüten, Galerie hüten. Und ab
und zu ein Bild verkaufen, Bild verkaufen. Das spielt aber keine Rolle,
der Galerist kann ja sowieso nicht kochen, kochen. Denn Kochen ist das Hauptthema an diesem
Tisch. Da sitzen also vier ältere Semester und versuchen, sich in der
theoretischen Zubereitung von exklusiven Gerichten zu überbieten.
Trockenkochen könnte man das kulinarische Geplauder bezeichnen. Nicht
selten endet dieser Rezeptetausch, verbunden mit dem testen
verschiedener Spirituosen, in einem gemütlichen Restaurant am alten
Hafen. Die Kombination ist äusserst Appetitanregend. Seit ein paar Wochen nimmt auch der
Strauss im Hawaii-Hemd ab und zu an unserem Stammtisch Platz. Sein Französisch
mit starkem Österreicherakzent ist für uns oft genau so unverständlich
wie seine kochtechnischen Äusserungen. Beim Vorstellen des Rezepts für
„Quenelle de marilles“ löste er bei seinen Zuhörern lediglich
geballtes Unverständnis aus. Es dauerte geraume Zeit bis wir endlich
herausfanden, dass er mit diesem Phantasienamen Marillenknödel meinte
und dass diese Marillen wiederum Aprikosen waren. Bedenkt man, dass
Tomaten in Österreich Paradeiser genannt werden, ist es ein kleines
Wunder, dass Monsieur Strauss aus einer Tomatensosse nicht eine „Sauce
du Paradis“ machte. Meist aber schwärmte er von der Krönung
seiner Kochkunst, einem Filet im Teig. Ausführlich beschrieb er das
Zartrosa des Fleisches, die perfekte Würzung der Farce und die
einmalige Knusprigkeit des Blätterteigs. Das schrie förmlich nach
einer Einladung. Nach einigen von uns grosszügig offerierten Ricards
hatten wir ihn soweit. Wir wurden leicht lallend, mit österreichisch
angehauchtem Französisch, auf den nächsten Sonntag zum Filetgenuss ins
Appartement am Fréjus-Plage gebeten. Die Einrichtung des grossen Wohnzimmers
war mit vielen mitgebrachten Souvenirs von seinen Reisen angereichert.
Venedig war mit einer beleuchteten Gondel vertreten, Paris durfte einen
ziemlich grossen, ebenfalls beleuchteten Eiffelturm beisteuern, der
schiefe Turm von Pisa stand etwas unmotiviert neben einem gerade
gewachsenen Säulenkaktus, der einem Elefanten nachempfundene Hocker
zeugte von einer Afrikareise und ein in die Wohnwand gestelltes
Riesenrad, natürlich ebenfalls beleuchtet mit vielen bunten Lichtlein,
erinnerte an seine Herkunft. Der grosse Esstisch war trotzdem
einladend gedeckt, Geschirr und Tischdecke im Provence-Stil. Das
Silberbesteck und die Kristallgläser zeugten zwar von Kultur, passten
aber nicht so ganz zu den Steinguttellern. Wir freuten uns gleichwohl
auf kommende kulinarische Genüsse. Der Gastgeber liess sich wirklich nicht
lumpen, zur Vorspeise servierte er uns herrliche Belons mit einer
Schalottenvinaigrette, die Austern hatte er frühmorgens auf dem nahen
Fischmarkt gekauft. Dazu tranken wir fruchtigen, perfekt gekühlten
Chablis. Das Schweinefilet im Teig war genau wie
von ihm am Stammtisch beschrieben. Perfekt rosa, geschmacklich
einwandfreie Farce und goldbrauner, knuspriger Blätterteig. Schade nur,
dass die grünen Böhnchen aus der Büchse stammten, auf Zwiebeln,
Knoblauch und Butter verzichten mussten und etwas fade daherkamen. Doch
das Filet, Chapeau. Ich wollte es genau wissen: „Sag mal,
Hubert, hast Du das Filet vorher angebraten?“ Der Meisterkoch schaute mich verständnislos
an. Er schien etwas verwirrt über soviel Unkenntnis der hehren
Kochkunst. „Anbraten? Was willst Du anbraten, das geht doch gar nicht,
der Blätterteig würde doch verbrennen“, meinte das Hawaiihemd. „Ich meinte nicht den Teig, ich meinte
das Filet, das Fleisch“, wagte ich einen neuen Versuch. Hubert wirkte noch verwirrter: „Wie
soll das gehen, das Filet ist doch eingepackt in den Teig. Du hast
wirklich keine Ahnung!“ Schau an, der verhinderte Bocuse kauft
also sein Leibgericht fixfertig beim Traiteur und schiebt es nur noch in
den Ofen. So gesehen könnte auch meine Perle zur Spitzenköchin
mutieren. Gut, dass sie nicht dabei war. Die würde ab sofort
Stammkundin in der Marmite bei unserem Nachbar Donald. Das hätte zwar
den Vorteil, dass es weniger Spaghetti geben würde, aber ich bin nun
mal kein Freund von gekauften Fertiggerichten. Doch zurück zum Hubert und seinem Filet.
Es war gut und das ist schliesslich die Hauptsache. Aber es weckte den
Ehrgeiz in mir und ich lud die fröhliche Runde umgehend zu einem Filet
Wellington bei mir ein, in vierzehn Tagen, selbe Zeit, anderer Ort. Selbstverständlich werde ich noch Donald Foster dazu
einladen, ich brauche unbedingt eine schöne Trüffel und die lasse ich
mir am liebsten von meinem britischen Nachbarn schenken. Trüffel gehört
nun mal zum Original-Rezept. Filet Wellington – eines meiner
Lieblingsgerichte. Und wer hat’s erfunden - Richtig - die
Schweizer. Genauer gesagt, ein Schweizer. Der Küchenchef Charles Senn
soll es anlässlich der Kochkunstausstellung 1930 in Zürich kreiert
haben. Zu Ehren von Arthur Wellesleys, dem ersten Herzog von Wellington. Unter
der fachkundigen Assistenz meiner Spaghettiköchin bereitete ich also
ein Filet de boeuf Wellington zu. Wie der Name schon sagt, handelt es
sich um ein Rinderfilet. Das muss natürlich gut abgehangen sein. Dazu
kommen dünn geschnittene Rohschinkentranchen und eine Duxelles, eine Püree
ähnliche Farce aus Champignons. Ich gebe stets noch etwas ein Stückchen
fein gehackte Trüffel dazu, so kann sich das Fleisch schon an den
begleitenden Trüffeljus gewöhnen. Der Blätterteig
wird auf dem Küchentisch ausgebreitet, mit dem Schinken belegt, auf
diesen wird die Duxelles schön verteilt und darauf das kurz
angebratene, bereits gesalzene und gepfefferte, etwas ausgekühlte Filet
drapiert. Sorgfältig in den Teig eingepackt wird es noch mit der von
Georgette aus Restteig gestochenen Garnitur verziert, mit Eigelb
bestrichen und in den Ofen geschoben. Und das
Ergebnis – der Charles Senn hätte seine helle Freude an mir gehabt.
Auch meine Freunde waren begeistert. Natürlich musste ich die
Herstellung haarklein erklären. Das Hawaiihemd konnte sich allerdings
eine Frage nicht verkneifen: „Warum machst Du Dir die Mühe mit dem
Einpacken?“ Er wird es nie begreifen. Doch Dank ihm und Seinesgleichen
werden die Traiteur-Geschäfte in unserer Stadt überleben. Der
Nachmittag verlief dann ganz nach meinem Geschmack. Georgette versorgte
uns mit herrlich duftendem, starkem Espresso, wir genossen das
Mitbringsel von Jean, ein uralter Marc de Provence, dickflüssig beinahe
wie Likör, sanft und doch hocharomatisch. Die Tarte
renversée von D Punkt schmeckte vorzüglich. Natürlich gehörten auch
Zigarren aus meinem Humidor dazu. Gesprochen wurde natürlich übers Essen, übers Kochen und
so ganz nebenbei auch noch übers Trinken. Es sind ja auch die drei schönsten
Dinge für ältere Semester. Da können uns die Jungen schon beneiden.
Die fahren sowieso nur auf Fastfood und Büchsengetränke ab. Für die
ist Château Pétrus
doch das Haus eines Apostels im Himmel. Und Avocados spanische Rechtsanwälte. Die Marc-Flasche war schon beinahe leer, als uns Monsieur Übähr
ein gut gehütetes Geheimnis verriet. „Ich kann gar nicht kochen“,
verriet er uns mit leicht schwerer Zunge. Da waren wir doch sehr überrascht,
wer hätte das gedacht. Natürlich darf er trotzdem weiterhin an unserem
Trockenkochstammtisch teilnehmen. Und wer weiss, vielleicht serviert er
uns demnächst selbstgemachte Marillenknödel. Am
Abend servierte mir meine Perle Spaghetti.
|
| >> zurück zur Übersicht |