|
Als der Curé baden ging Es ist
Herbst. Im Hinterland verfärben sich langsam die Bäume, braune, gelbe
und rote Töne verdrängen allmählich das Grün. Der Wald trägt bunt.
Vorne an der Küste dürfen die Palmen, Pinien und Laurier rose,
die Oleanderbüsche, natürlich ihr grünes Kleid behalten. Meine Perle
passt sich sowieso seit Urzeiten dem subtropischen Klima an der Côte
d’Azur an und trägt selbstsicher das ganze Jahr ihre bunten,
etwas zu kurzen Blumenmusterröcke. Die
Sonne hat noch genügend Kraft, um in den schweren Wein, frei nach
Rilke, die letzte Süsse zu jagen. Bald kann die Weinlese beginnen. Die
grossen Domänen der Côte de Provence prophezeien einen
Superjahrgang. Ihre Refraktometer versprechen
einen hohen Baumé, einen hohen Oechslegrad, auch der
Ertrag dürfte hoch sein. Madame
Wilt, die stolze Gattin des stolzen Weingutbesitzers, mit eigenem, gebläutem
Turmbau auf dem Kopf und Trägerin schwarzer Sackkleider, stolzierte
seit einigen Tagen etwas stolzer durch die Strassen. Wenn schon Château
Haut Brion seinen premier grand cru als absoluten
Spitzenjahrgang ankündigte, wie gut musste dann erst der Vin de
table ihres Angetrauten sein. Monsieur Wilt produziert nämlich
hauptsächlich Tischwein, Roten, Weissen und Rosé, nur ein kleiner Teil
wird in Flaschen abgefüllt. Wobei
ich schon erwähnen muss, dass die Vin de table der kleineren Domänen
absolut akzeptabel sind. Es sind natürlich keine grossen Exportweine,
aber hier, nur wenige Kilometer vom Rebberg entfernt, schmecken sie
frisch und fruchtig. Seit Jahren lasse ich meine Literflaschen beim
Weinhändler hinter dem Marché Republic aus dem Fass nachfüllen.
Als Tischwein für den täglichen Bedarf genügen diese Rebensäfte
sogar den Ansprüchen meiner Perle. Wenn
anfangs November die Primeur-Weine auf den Markt kommen, blüht
Georgette richtig auf. Dann beginnt eine Zeit, in der mein
Haushaltsvorstand fröhlich beschwingt und lustige Melodien trällernd
seine Arbeiten erledigt. Da diese Nouveau-Weine in einem beschleunigten Prozess vergoren werden,
entwickelt auch ein guter Primeur, der nicht optimal gelagert wird,
schon nach wenigen Wochen essigartige Aromen. Damit es nicht soweit
kommen kann, opfert sich meine Perle und erhöht für kurze Zeit
drastisch ihren Weinkonsum. Noch
war es nicht Zeit für den neuen, jungen Wein. Die Trauben hängen
weiterhin an ihren Stöcken, die Lese beginnt erst Mitte September.
Brauchte es früher noch viele fleissige Hände, genügt heute ein Mann
mit seinem Traubenernter. So eine Maschine kann es leicht auf eine
Tagesleistung von 20 000 Kilo Trauben und mehr bringen. Auch auf dem
Wiltschen Anwesen steht so ein Monsterding. Ich kann mich noch gut
erinnern, als Monsieur vor Jahren den Ernter anschaffte, zeigte La Wilt
jedem der es sehen wollte, natürlich auch denen, die es absolut nicht
interessierte, also auch mir, einige Fotos der neuen Wundermaschine.
Normalerweise tragen ältere Damen geschönte Bilder ihrer Enkel bei
sich, zeigen sie auch überall herum und sind überzeugt, dass ihre
Nachkommenschaft dereinst grossen Einfluss auf das Weltgeschehen haben
wird. Ob allerdings der Einsatz der Rebenpflückmaschine einen Einfluss
auf die Qualität des Weines hat, konnte bis heute noch nicht geklärt
werden. Ich
liebe den September an der blauen Küste. Es ist nicht mehr so heiss,
die Abende trotzdem noch angenehm warm, auch die Wassertemperatur lockt
noch viele Badende an. Die Schulferien sind vorbei, es ist angenehm
ruhig in der Stadt, bevor dann Mitte Oktober die Herbstferien beginnen. Ruhig
war es auch gestern Abend auf der Terrasse meines Lieblingsrestaurants.
Ich traf mich mit meinen Freunden wieder einmal zu einem Austernabend,
mindestens einmal im Monat gönnten wir uns so ein Huîtres
à gogo-Gelage.
Heute waren es Belon,
eine huître plate, Austern, die nicht an Felsen, sondern im
Schlick leben, eine „platte“ Rarität, serviert mit einer Schalotten-Vinaigrette.
Zusammen
mit einem kühlen Blanc de Blanc der Domaines Ott schaffte jeder
von uns zwei Dutzend dieser herrlichen Schalentiere. Richtig satt machen
Austern ja nicht, im Excelsior wird Gott sei Dank reichlich frisches,
knuspriges Baguette dazu serviert. So kann man am Schluss noch die
restliche Vinaigrette mit Brot auftunken. Am
Nebentisch plagte sich eine englische Familie mit dem fachgerechten
Zerlegen ihrer Forellen. Noch lagen sie, nicht die Familie, die Fische,
goldbraun gebraten auf den Tellern, einträchtig neben kleinen
Salzkartoffeln und einigen Salatblättern. Daddy war als Oberhaupt natürlich
prädestiniert, seine Lieben in die Hohe Kunst des Tranchierens einzuführen. „Zuerst
muss der Kopf weg“, dozierte der Forellenzerteiler, „danach ist
alles ganz einfach“. Mutig stach er mit der Gabel in den Gott sei Dank
schon toten Fisch. Die rechte Hand führte das Messer mit elegantem
Schwung Richtung Kopf und schwupp, weg war er. Weg im wahrsten Sinne des
Wortes, auf dem Teller lag nur noch der Rumpf. Der vordere Teil flog in
grossem Bogen zwei Tische weiter, genau in den dort stehenden Eiskübel
und leistete der darin weilenden Flasche Rosé Gesellschaft. Der ältere
Herr und seine Begleiterin starrten sichtlich schockiert auf den auf den
Eiswürfeln liegenden Fischkopf. Jean-Michel, unser Lieblingskellner,
war wieder einmal zur rechten Zeit am rechten Ort und konnte die nicht
bestellte Zugabe mit spitzen Fingern entfernen. Die
beiden rothaarigen englischen Sprösslinge hatten genug gesehen und
warteten weitere Tranchierkünste ihres Erzeugers nicht mehr ab. Genüsslich
fassten sie die Forellen an Kopf und Schwanzflosse und begannen daran zu
knappern wie an einem Maiskolben. Dass dies keine gute Idee war, merkten
sie relativ sehr schnell, schon bald spuckten sie Gräten in rauen
Mengen, husteten und prusteten, es war ein erbärmlicher Anblick. Meine
angeborene Diskretion verbietet mir eine weitere Schilderung dieses
englischen Dinners for four. Ich weiss nur eines: Die
Queen wäre not amused gewesen. Wir
waren mittlerweile beim Kaffee angelangt. Selbstverständlich gehörte
da auch ein Marc de Provence dazu, es blieb natürlich nicht bei
dem Einen. Philippe hatte seine Spendierhosen an und bestellte Runde um
Runde. In diesem beschwingten Zustand, in dem wir uns langsam aber
sicher befanden, jagte eine Anekdote die nächste, lachten wir über
Witze, die wir alle schon auswendig kannten, dachte keiner von uns an
einen möglichen Kater morgen früh. Die
Uhr der Basilika schlug gerade zwölfmal, als uns Jeanmi einige Tatar-
und Lachsbrötchen auf den Tisch stellte, offeriert vom Patron. Überreste
vom kalten Buffet, das jeden Abend im Restaurant aufgebaut wurde. Stammgäste,
so richtig liebe wie wir, kamen oft in den Genuss solch kleiner Köstlichkeiten
zu später Stunde. Allerdings nicht in der Hochsaison, da ist das Buffet
schon um zehn Uhr von den hungrigen Touristen leer gefuttert. Die
fröhliche Altherren-Runde sass bis weit nach Mitternacht zusammen. Jean
und ich entschieden uns noch für einen Spaziergang Richtung neuer
Hafen, Richtung Santa Lucia. Wir waren überzeugt, dass uns die kühle
Meeresluft erfrischte und die morgigen Folgen unseres abendlichen
Marc-Genusses etwas erträglicher machen würde. Die
Spenderin dieser Erfrischung, das Mittelmeer, lag ruhig und dunkel vor
uns. Plötzlich hörten wir ein Plätschern, wir sahen etwas genauer hin
und entdeckten eine Gestalt, die langsam aus den Fluten stieg. Die
schwarze Silhouette, die sich jetzt vor dem Horizont abzeichnetete wie
ein Schattenbild, war nicht sehr gross und hatte deutlich sichtbar einen
beachtlichen Bauch. Im Sand lag ein schwarzes Bündel, das jetzt von dem
schon besser erkennbaren Spätbader aufgenommen wurde. „Guten
Abend, Hochwürden“, rief ich dem Bündelgreifer zu. Der
so Angesprochene zuckte zusammen, schaute kurz in unsere Richtung und
japste: „Das muss eine Verwechslung sein“, dann verschwand er hinter
den hier zahlreich vorhandenen Oleandersträuchern. Zuhause
angekommen, gönnte ich mir noch ein Aspirin, begab mich umgehend in
Hypnos Arme, bekam schon sehr bald Besuch von seinem Sohn Morpheus und
stand am Morgen frisch und ausgeruht auf. Der
morgendliche Spaziergang mit meinem vierbeinigen Freund ist eine
Pflicht, die ich täglich mit grosser Freude absolviere. Wir sind ein
eingespieltes Team und Tasso weiss genau, dass ich am Ende der Tour
unbedingt einen Espresso brauchte. Zielstrebig und sicher wie ein
Blindenführhund zog er mich Richtung Excelsior. Es kann natürlich auch
sein, dass er mehr auf seine Bedürfnisse schaute und mein Kaffeebedarf
eher eine untergeordnete Rolle spielte. Im Hundefreundlichen Hotel
servierte man ihm nämlich immer sein Menu eins, einen Napf mit Wasser
und ein Schälchen mit Hundebiskuits.
Auch
der Curé genoss gerne einen kleinen Schwarzen und ein Croissant vor der
Neunuhrmesse. So auch heute, wir tauschten die üblichen
Belanglosigkeiten aus – wie geht’s, was macht ihre Hausdame, schönes
Wetter heute, noch kein Regen in Sicht, der Wein wird bestimmt gut –
wie gesagt, Belanglosigkeiten. Doch heute war da noch ein kleines
Teufelchen, das mich zwickte, etwas hinterhältig fragte ich den frommen
Mann: „Sie
haben sicher gut geschlafen, nach dem Bad gestern Abend“. Hochwürden
kniff seinen Mund und die Äuglein zusammen, als ob er einen Schluck
Essig getrunken hätte, seine roten Bäckchen wurden noch eine Spur röter. „Monsieur Kurt, ich habe es ihnen doch schon gestern gesagt, das muss eine Verwechslung sein.“
|
|
>> zurück zur
Übersicht
|