| Geschichten aus Filet im Teig - Irrwege eines Epikureers von Kurt Myltz |
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Der
Curé macht Urlaub Was
Seiner Heiligkeit recht ist, kann unserer Hochwürdigkeit nur billig sein.
Der Benedikt verbringt seine Ferien in den Papstvillen in Castelgandolfo
in der Region Latium, der Balthasar fährt alljährlich zur Kur nach Evian
in der Region Rhône-Alpes.
Für ganze drei Wochen. Meistens im September. Doch dieses Jahr verliess
er seine Schäfchen schon Anfangs August. Madame Wilt vertraute mir unter
dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit an, dass der Curé seit längerem
an furchtbarem Rheuma litt. Der Ort am Genfersee versprach Heilung - oder
wenigstens Linderung. La Wilt wusste auch, dass man in Evian-les-bains
sehr gut essen konnte. Das war für Hochwürden bestimmt wichtiger, als
das Plantschen im heilenden Quellwasser. Da der
lang geratene Kaplan im September ein Seminar besuchen darf, musste die
priesterliche Kur also einen Monat vorverlegt werden. Nanette, die gute
Seele des klerikalen Haushaltes, nutzte die Gunst der Stunde und schloss
sich einer Pilgerfahrt nach Lourdes an. Die zurückbleibenden geistlichen
Herren, Kaplan und Vikar, mussten mit der Bohnenstange Joseline als
Ersatz-Haushälterin vorliebnehmen. Madame Wilt’s Klatschlieferantin
konnte waschen, bügeln, putzen und Tee aufbrühen. Kochen konnte sie
nicht. Christophe und Ludovic durften ihr leibliches Wohl deshalb im
Excelsior befriedigen. Meine
Perle überlegte, ob sie nicht auch eine Wallfahrt machen sollte. Ich
empfahl ihr Saintes-Maries-de-la-Mer,
dafür brauchte sie höchstens einen Tag. Schliesslich ist es ja egal
wohin, Hauptsache, sie wallt. Doch Georgette schwebte Rocamadour vor. „Ich habe mich gestern am Bahnhof erkundigt. Wenn ich morgens um sieben
Uhr hier wegfahre, bin ich abends um siebzehn Uhr in Roc. Allerdings muss
ich dreimal umsteigen. Ich werde im Hôtel le Palladium in Alvignac
zwei Nächte verbringen. Sie
können bestimmt drei Tage ohne mich auskommen“. Und ob ich das kann. Ich hätte mir auch denken können,
dass sie ihre Pilgerreise per Zug unternimmt, schliesslich heisst es ja
Wallfahrt und nicht Wallgang. Vielleicht wallt sie wenigstens die paar
Kilometer von Rocamadour bis zu ihrem Hotel in Alvignac per Pedes. Dann könnte
sich auch die Union der Schmetterlinge in den den Midi-Pyreneen an ihren
zu kurz geratenen bunten Blumenmusterkleidern erfreuen - Georgette, die
wallende Blumenwiese. Ich hatte also drei Spaghettifreie Tage und verschrieb
mir umgehend eine kulinarische Diät: Statt Teigwaren mit allerlei Saucen
wollte ich während Georgettes Abwesenheit nur Erzeugnisse aus dem Wasser
zu mir nehmen. Krusten- und Schalentiere, einige ausgewählte Fische und
vielleicht etwas Kaviar mussten genügen. Meine Freunde Philippe und Jean
erklärten sich sofort bereit, mich während dieser schweren Zeit
moralisch zu unterstützen. Spontan boten sie mir ihre Begleitung zu
einigen bescheidenen Restaurants an, die diese Früchte und Wirbeltiere
des Meeres in ihrem Angebot hatten. Ein Opfer, das ich nicht ablehnen
konnte. Start und Ziel des dreitägigen Diät-Marathons war das Sirocco am port
historique. Die Ouvertüre machte ein „ Plateau
du Sirocco grillé“. Coquilles Saint Jacques, Gambas, Saumon,
Rascasse, also Drachenkopf, und Moules
erfreuten die Gaumen der drei älteren Herren. Begleitet wurden diese
Ex-Meeresbewohner von einem Blanc de Blanc der Domaines Ott. Einen würdigeren,
köstlicheren Auftakt zu unserer Kasteiung hätte es nicht geben können.
Anschliessend gönnten wir uns noch einen Absacker in der Excelsior-Bar. Am nächsten
Tag verordnete sich mein Ego Hausarrest. Mittags genehmigte ich mir
lediglich etwas Baguette mit ein paar Löffelchen Kaviar aus dem Hause
„La Marmite“ von meinem Nachbarn Donald Foster. Abends lud ich meine
Freunde zu „Hummer armoricaine“ ein. Ich kaufte zwei Prachtexemplare
der Gattung Homard. Korallenrot glänzend lagen sie auf meinem Küchentisch
und freuten sich auf ihre Vollendung durch den selbsternannten „Chef de
Cuisine“ in meinem bescheidenen Heim. Die
rechte Schere ist beim Hummer meist grösser ist. Das kommt daher, weil er
sich damit verteidigt und auch seine Beute festhält. Die
linke Schere ist in der Regel kleiner und schlanker ist. Sie dient dazu,
die Beute zu zerkleinern und zum Mund zu führen. Die
Zubereitung ist denkbar simpel. Zuerst muss ich die Hummer spalten, danach
die Scheren abtrennen und aufhacken. Am vorderen Kopfende liegt der Magen,
der muss natürlich entfernt werden. Die Schnittstellen werden sofort
gesalzen. In heissem Olivenöl röste ich gehackte Schalotten und
Knoblauch an, gebe die Hummerstücke dazu und lasse sie fünf Minuten
mitbräteln. Dann wird mit Cognac übergossen, angezündet und abgebrannt. Tomatenmark,
Suppengrün gebündelt und Weisswein kommt dazu, das Ganze lasse ich fünfzehn
Minuten dämpfen. Dann den Hummer herausnehmen und auf einer vorgewärmten
Platte parkieren. Nachdem ich das Suppengrün entfernt habe, verfeinere
ich die Sauce mit Sherry, Cayennepfeffer und Estragon, montiere sie mit
eiskalten Butterstückchen auf und gebe sie über den Hummer. Ein
einfaches Rezept, schnell zubereitet und doch ein kulinarischer
Hochgenuss. Meine Freunde waren begeistert. Philippe spendierte dazu einen
Chablis Réserve de Vaudon AC, eigentlich nicht der optimale Wein zu
Hummer, aber er weiss halt, dass ich ein Fan der Chardonnay-Traube bin. Der
dritte Diät-Tag führte uns, wie könnte es auch anders sein, nach
Cannes. Nach einem ausgiebigen, Appetitanregenden Bummel durch die Rue
Meynadier ging es zügig in die Rue Félix Faure, ins Le Caveau 30, das
Restaurant mit dem Interieur der dreissiger Jahre des letzten
Jahrhunderts. Wunderschön. Und hier liessen wir uns mit einem herrlichen Saint
Pierre frais aux petits artichauts à l'huile d'olive verwöhnen. Der
köstliche Fisch mit den kleinen Artischöckelchen zeigte uns, zusammen
mit der Vorspeise, je 6 Fines de claires n° 3, wie herrlich so
eine Diät sein kann. Zum krönenden Abschluss gönnten wir uns Nougat
glacé maison, coulis de fruits rouges. Ganz nach dem Motto: Kann denn
Dessert Sünde sein. Das
Finale am Abend, natürlich wieder im Sirocco, krönten wir mit einer Bourride
de Lotte au safran. Bourride, die Schwester der Bouillabaisse aus dem
Departement Var, wird mit nur einer Fischsorte zubereitet, hier also mit
Seeteufel. Sein Fleisch bleibt nach der Zubereitung fest und fast weiss.
In unserer Bourride war es natürlich eher gelblich, vom Safran. Die
Drei-Tage-Diät war ein voller Erfolg. Und die drei Absolventen waren sich
sicher, eine Wiederholung war nur eine Frage der Zeit. Philippe kannte
viele gemütliche, hervorragende Fischrestaurants, abseits der
Touristenströme, echte Trouvailles. Allerdings war er der Meinung, dass
wir uns schon zehn Tage kasteien müssten, um den Genuss der verschiedenen
Spezialitäten richtig geniessen zu können. Also ein Régime de dix
jours. Kein Problem, für unsere Gesundheit opfern wir so Einiges. Der nächste
Tag bescherte mir einen Brief vom Finanzamt, einen unangenehmen Anruf von
meinem Arzt, ein blutendes Kinn vom Rasieren und die Rückkehr meiner
Perle. Strahlend stand die Wallfahrerin vor mir, Hände in die Hüften
gestemmt, ein neckisches, etwas verrutschtes Hütchen auf dem naturblond
gefärbten Haar. Ein kurzes „Da bin ich wieder“ war die überschwängliche
Begrüssung. Es war
nicht zu übersehen, das Blumenmusterkleid hatte zu seinem Brötchengeber
zurückgefunden. Ich zauberte ein verkrampftes Lächeln in mein Gesicht
und versuchte freudig überrascht zu sein: „Schön, dass Sie wieder da
sind. Hatten Sie eine gute Zeit in den Midi-Pyreneen?
Haben Sie nette Leute getroffen?“ „Ach Gott, Monsieur Kurt, ich habe mich nur mit einer
älteren Dame etwas angefreundet. Sie hatte ein Auto und wohnte auch im
Palladium. So konnte ich mit ihr hin und zurück fahren. Eigentlich mochte
ich sie nicht, sie war etwas zu bunt gekleidet für ihr Alter und ihre
Haare waren bestimmt gefärbt. Aber wie gesagt, sie hatte ein Auto. Wissen
sie eigentlich, woher der Name Rocamadour stammt? Sie wissen es nicht. Von
einem Mönch. Und der hiess Amadeus. Jetzt wissen Sie’s“. „Es war kein Mönch, es war ein Eremit, er hiess auch
nicht Amadeus sonder Amadour. Der suchte Zuflucht unter einem Felsen, also
einem Roc, et voilà, Roc Amadour. Das hat nichts mit Rock Amadeus
zu tun. Sind sie wenigstens die grosse Treppe zur heiligen Stadt
hinaufgestiegen, haben sie die sieben Kapellen besucht, auch die
Marienkapelle, die über der Krypta des Heiligen Amadour steht? Und wissen
sie, dass die Basilika Saint-Sauveur und die Krypta 1998 als Teil des
Weltkulturerbes der Unesco, „Jakobsweg in Frankreich“, ausgezeichnet
wurden? Sie wissen es nicht“. „Und Sie wissen es auch nur, weil Sie immer so kluge Bücher
lesen müssen, oder waren sie auch schon dort? Dann hätten sie mir ja ein
paar Tipps geben können. Aber nein, sie behalten lieber alles für
sich“. Mein Wissen belohnte sie mittags mit Pilger-Spaghetti,
das sind diese berühmten Teigwaren mit fader Tomatensauce angereichert. Wäre
sie doch noch einige Tage im Palladium geblieben, wie gerne hätte ich
meine Diät verlängert. Der August ging langsam zu Ende, die Hochwürdigste Kur
war es bereits. Der Spätsommer beschert der blauen Küste noch immer viel
Sonnenschein, angenehme Temperaturen und herrliches Obst und Gemüse auf
dem Markt. Die Touristen verziehen sich langsam in ihre angestammten
Gefilde zurück, die Strassenhändler aus dem schwarzen Erdteil versuchen
den letzten Ramsch an die letzten Feriengäste zu verscherbeln. Die Pied-Noir
trinken ihren Cristal vor dem Maxim und ich meinen Ricard im Templier.
Wenigstens war das gestern so. Ich kam gerade vom Marché République,
freute mich auf einen Salat aus den soeben erstandenen Fleischtomaten, mit
viel Zwiebeln und Basilikum, da sah ich auf der Terrasse vom Templier den
Curé vor einem petit Rouge sitzen. „Monsieur Kurt“, frohlockte
das Pfäfflein, „kommen Sie, setzen Sie sich zu mir“. Der
Tomatensalat musste warten, der Klerus hatte Vorrang. Don Balthasar
strahlte mich an: „Wie sie sehen, bin ich wieder zurück“. Ich
sah nicht nur den zurückgekehrten geistlichen Herrn, ich sah auch, dass
sein Bauchumfang leicht zugenommen hatte, dass seine Wangen etwas rosiger
schienen und seine Stupsnase leicht röter war. Die Kur war sichtlich von
Erfolg gekrönt. Etwas scheinheilig fragte ich: „Hat sich Ihr Rheuma
gebessert?“ Der
Curé lächelte verschmitzt: „Cher ami, ich muss Ihnen ein Geständnis
machen“. Und wieder wurde mir etwas unter dem Siegel der
absoluten Verschwiegenheit anvertraut: „Ich habe gar kein Rheuma!“ Aber
warum, um Himmels Willen, brachte la Wilt nur solche Gerüchte in Umlauf.
Die best informierte Person an der blauen Küste konnte sich doch nicht so
irren. Schliesslich hatte sie ihre Informantin Joseline schon oft in den
klerikalen Haushalt eingeschleust. Sollte die Bohnenstange irgendetwas
missverstanden haben. Verwechselte sie vielleicht die Wörter. Fuhr der
Curé nicht wegen dem Rheuma an den Genfersee, sondern wegen dem Klima. Seine
Geistlichkeit erlöste mich von meiner Grüblerei: „Mein Vater, müssen
Sie wissen, mein Vater litt unter Rheuma. Darum fuhren wir alle Jahre nach
Evian. Als Kind habe ich diese Ferien am Lac Léman sehr genossen.
Und jetzt, in fortgeschrittenem Alter, wollte ich diese Jugenderinnerungen
wieder aufleben lassen. Aber ohne Grund ein Kurbad aufsuchen, nein, das
gehört sich nicht für einen Priester. Also erzählte ich Madame Wilt vor
einigen Jahren, dass mich der Rheumatismus plage. Sie organisierte sofort
eine Kur für mich, auf meinen Wunsch natürlich in Evian-les-Bains. Und
so reise ich jedes Jahr an den Genfersee, geniesse das herrliche Essen und
den guten Wein, lasse mich massieren und lerne nette Leute kennen. Der
Herr wird mir die kleine Schwindelei sicher verzeihen. Und bei Ihnen ist
mein Geheimnis bestimmt gut aufgehoben“. Hochwürden
ein Schlitzohr, wer hätte das gedacht. Natürlich gönnte ich ihm seine
genussreiche Kur, hatte sie doch gewisse Ähnlichkeiten mit unserer Diät.
Bacchus und Epikur hätten ihre helle Freude an uns gehabt. Der
kurierte Gottesdiener musste noch etwas loswerden: „Die gute Nanette
kommt erst morgen Abend zurück, mein Dienst beginnt am Montag. Ich habe
also noch den ganzen Sonntag zu meiner freien Verfügung. Leisten Sie mir
doch morgen Gesellschaft beim Mittagessen im Excelsior. Meinen Tisch habe
ich bereits reserviert. Und bringen Sie auch Ihre Hausdame mit. Sie würden
mir eine grosse Freude machen“. Bestimmt
haben der Christophe und der Ludovic nach dem Gottesdienst Hunger und
werden sich auch an den Tisch des Herrn setzen. Dann sind wir zu fünft.
Das heisst fünfmal Plat du Jour, fünfmal Käseplatte, reichlich
Wein für fünf Personen, fünfmal Kaffee und Armagnac. Da ich ja nicht
eingeladen, sonder nur zur Leistung einer Gesellschaft aufgefordert wurde,
werde ich auf dem Nachhauseweg dem Bancomaten bei der Société
Générale einen Besuch abstatten müssen.
Als guter Christ hat man eben auch seine Verpflichtungen. |
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