|
Der Perlenpokal Wo
steht eigentlich geschrieben, dass man postarbeitsweltlich ein Hobby
haben muss. Dass man seinen sogenannten Lebensabend nicht einfach mit
Faulenzen, Tagträumen und Geniessen zubringen kann. Dass man seine
Knochen bis in alle Ewigkeit in Bewegung halten sollte. Dass man seinen
Denkapparat täglich strapazieren und neu herausfordern muss. Es steht
nirgends geschrieben. Muss es
auch nicht. Damit diese zweifelhaften Weisheiten bei gewissen älteren
Herren stets präsent sind, erfand Gott die Haushälterinnen. Die gute
Nanette, ihres Zeichens Vorsteherin des klerikalen Haushaltes, quält
ihre geistlichen Herren dauernd mit Fragen zu albernen Kreuzworträtseln.
„Hochwürden, kennen sie einen Chemiker mit neun Buchstaben?“ Woher
soll der Curé wissen, dass sie den Lavoisier meint. Oder: „Herr
Vikar, wie heisst ein Kirchenkomponist mit zehn Buchstaben?“ Was,
bitte, interessiert es den langen Lulatsch, dass Palestrina im
sechzehnten Jahrhundert die Kirchenmusik erneuerte, Magister
puerorum an der Peterskirche in Rom war, dass seine Improperien oder
Heilandsklagen am Karfreitag 1560 zum ersten Mal aufgeführt wurden und
dass er mit seinen zehn Buchstaben Nanettes Gesuchter war. Gott
sein Dank verschont mich meine Perle mit solch intellektuellen Plattitüden. Sie hat eine viel einfachere, ihr Gehirn nicht so
strapazierende Methode gefunden, ihren Brötchengeber zu foltern:
„Monsieur Kurt, jeder einigermassen vernünftige Mensch in Ihrem Alter
hat ein Hobby. Es gibt so viele schöne Freizeitbeschäftigungen, für
Sie kommt nur Sport in Frage. Wenn Sie Ihre Hemden nicht immer über der
Hose tragen würden, könnte man Ihren doch schon recht beachtlichen
Bauchansatz sehr gut sehen. An meinen Spaghetti kann es nicht liegen,
die machen überhaupt nicht dick. Aber Sie, Sie kochen immer mit viel
Fett und Butter, und dann das Essen im Restaurant. Ich warne Sie, machen
Sie nur so weiter, wollen Sie enden wie der Hund von Monsieur Jacques,
der wurde auch immer dicker und eines Tages war er tot. Aber Sie hören
ja nie auf mich“. Gott
muss eine ausgesprochen miese Laune gehabt haben, als er die Haushälterinnen
erschuf. Bei meiner Perle scheint er sogar richtig sauer gewesen zu
sein. Eines war für mich ab sofort klar, ich werde meine Hausdame nie
mehr zum Essen ausführen. Soll sie doch bei ihren Spaghetti sitzen
bleiben und von meinen sportlichen Betätigungen träumen. Ich kann ganz
gut alleine ein Boeuf Stroganoff auf der Excelsior-Terrasse
geniessen. Warum
sie mir dann am Abend trotzdem in ihrem buntesten, etwas zu kurz
geratenen Blumenmusterkleid, frisch gelockt und vielleicht eine Spur zu
grell geschminkt, süffisant lächelnd gegenüber sass, überlasse ich
der Phantasie meiner Leser. Bœuf
Stroganoff, in Frankreich heisst es
Stroganov, das Rezept wurde erstmals in Auguste Escoffiers Guide
Culinaire von 1903 erwähnt, ist eine herrliche Komposition aus
Rinderfiletspitzen, Champignons, Gewürzgurken, Senf, Paprika, Estragon,
Zitronensaft, Weisswein und eventuell Cognac, verfeinert mit Crème fraîche.
Benannt soll es nach Graf
Sergej Grigorjewitsch Stroganow sein. Ich gebe immer noch ganz fein geschnittene rote Peperoni
dazu, nicht original, aber mir schmeckts. Hier im Excelsior sorgen
einige Tomatenwürfelchen für Farbkleckse. Meine Perle erlaubte mir
grosszügigerweise, einen Rouge AOC
cuvée L'Exception der Domaine des Planes zu ordern. Wenn sie
nicht selbst bezahlen muss, kann sie sehr grosszügig sein. Es ist schon
komisch, in der Regel bezeichnet sie mich als Geizhals, meine Generosität
ignoriert sie geflissentlich. Ein gutes Essen kann mich mit Vielem versöhnen, heute
erreichte es sogar einen Waffenstillstand mit Georgette. Sie sprach
nicht mehr vom Sport und hatte auch an meinem sichtbaren Genuss der in
reichlich Butter geschwenkten Nüdelchen nichts auszusetzen. Keine Spur
von Vorwurf, keine zynischen Anspielungen. Wenn sie schweigt ist sie
doch eine echte Perle. Leider ist dieses Schweigezölibat selten von
Dauer. Zugegeben, ein klitzekleines Sport-Hobby könnte meiner
beginnenden leichten Übergewichtigkeit bestimmt nicht schaden,
schliesslich haben alle meine Freunde so ein Steckenpferdchen. Philippe
spielt Golf in Valescure, manchmal auch in Cannes, Jean geht jede Woche
auf den Tennisplatz, Jules ist im Scrabble-Club, er nennt das
Gehirnjogging, Donald Foster kann man als leidenschaftlichen Hobbysegler
bezeichnen, Lionel trifft man beinahe täglich auf dem Bouleplatz, für
ihn ist Pétanque genau so wichtig wie Contrex, und ich? Ich
koche. Auch ein Hobby, aber leider keines um Gewicht zu verlieren. Also stellte ich an einem schönen Donnerstagnachmittag,
an unserem Trockenkochstamm, die Frage in den Raum, respektive in die
angenehm warme Sommerluft: „Könnten wir nicht gemeinsam regelmässig
etwas Sportliches unternehmen? Nicht dass ihr glaubt, ich müsse
abnehmen, ich meine ganz einfach so, unserer Fitness und der
Geselligkeit zuliebe“. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Philippe hatte mit Tennis nichts am Hut und Jean konnte sich nicht fürs Segeln begeistern. Lionel fand Golf ein Spiel für Snobs und Jules scrabbelte sowieso nur abends. Donald Foster, genannt D Punkt, hatte keine Meinung, blieb einzig und allein Pétanque, der kleinere Bruder von Boule. Das
Spiel entstand im Jahre 1910 in La Ciotat, einem kleinen Städtchen an
der Côte d'Azur. Ein sehr guter, schon etwas älterer Spieler des Jeu
Provencal, ein Nachkomme des „gewöhnlichen“ Boule, musste
zuschauen. Sein Rheuma plagte ihn, und er konnte weder den
Ausfallschritt vollziehen noch konnte er die drei Schritte Anlauf zum
Schuss nehmen, zu stark waren seine Schmerzen. Dennoch wollte er seinen
Sport nicht aufgeben und es kam ihm die Idee, die Wurfdistanz um einiges
zu verkürzen und zudem ohne Anlauf im Stehen zu spielen. Man
steht in einem Abwurfkreis und spielt auf eine Entfernung von 6 bis 10
m. Von der Abwurfposition – man muss mit geschlossenen Füssen im
Kreis stehen – leitet sich auch
der Name des Spiels ab. Die Bezeichnung für "geschlossener Fuss"
heisst auf französisch "pied-tanqué", auf provencalisch
"ped tanco". Diese beiden Wörter sind schon bald zu einem
verschmolzen: Pétanque. Da das Spielfeld keinen strengen Regeln
unterzogen wurde, eröffneten sich grosse Möglichkeiten, Pétanque
auszuüben. Man ist nicht mehr beschränkt auf ein genau eingeteiltes
Spielfeld auf einem bestimmten Platz, sondern man spielt auf Plätzen
vor Kirchen, in Parks und auf ungepflasterten Dorfstrassen. Natürlich
gibt es auch spezielle Spielplätze, das sind dann die Boulodroms. Lionel
war natürlich sofort Feuer und Flamme, schwärmte von seinen Erfolgen
und konnte uns schon bald überzeugen. Umgehend wurde der Club gegründet.
D Punkt zeigte sich spendabel und stiftete den Namen: Marmite. Und weil
er uns als Werbeträger für sein Traiteur-Geschäft missbrauchen
wollte, erklärte er sich bereit, für die Ausstattung der sechs
Mitglieder aufzukommen. Uns konnte es recht sein, sein
Feinkostetablissement hatte einen äusserst guten Ruf und wir brauchten
uns für den Namen nicht zu schämen. Da
ich mich als Initiator des neuen Altherrenclubs fühlte, lud ich die fünf
restlichen Mitglieder zu einem Inaugurations-Essen ins erste Haus am
Platz ein, zu mir. Mein Menuvorschlag, Kalbssteak mit Morcheln, wurde
allgemein gutgeheissen. Als
ich meiner Perle die frohe Botschaft meiner neuen sportlichen Betätigung
überbrachte, glaubte ich aus ihrem Inneren ein freudiges Jubilieren zu
vernehmen. Äusserlich sagte ihr Mund nur: „Na also, es geht doch“.
Sie konnte ihren Enthusiasmus
nur schwer verbergen. Morcheln,
von uns Epikureern auch Morchella elata genannt, kaufe ich immer im Frühjahr
auf dem Markt und trockne sie auf einem Sieb im Halbschatten auf meiner
Terrasse. Getrocknet sind sie viel aromatischer und für Saucen deshalb
auch besser geeignet. Mein
Kalbssteak-Rezept ist denkbar einfach. Für sieben Personen kaufe ich
zwei Kilos Kalbscarré.
Das Fleisch wird im Ganzen sehr heiss angebraten, nicht zu lange, dann
darf es im 80° heissen Ofen auf einer Glasplatte gute drei Stunden auf
seine weitere Verwendung warten. Die Pfanne mit dem Bratsatz bekommt ein
grosses Stück Bratbutter, darin werden fein gehackte Zwiebeln angedünstet.
Mit Weisswein ablöschen, Bratensauce und Rahm dazugeben, aufkochen.
Dann die zwanzig Minuten in Milchwasser eingeweichten und gut
abgetropften Morcheln beifügen und die ganze Chose fünf Minuten sämig
einkochen lassen. Mit Salz und einer Spur Cayennepfeffer abschmecken,
mit Cognac verfeinern. Das Carré in Steaks tranchieren, mit der Sauce
verwöhnen, dazu Butternudeln und kleines Gemüse. Meinen
Gästen hat’s geschmeckt und sogar meine Perle liess sich zu einem Lob
hinreissen: „Das war fast so gut wie das Stroganoff im Excelsior“.
Habe ich schon erwähnt, dass ich mich manchmal frage, wieso ich
eigentlich … Wir
legten den Montagnachmittag als Termin und den Bouleplatz am Fréjusplage
für unsere sportliche Aktivität fest. Bereits zwei Wochen später
konnte man sechs rüstigen Herren in weissen Leibchen mit der Aufschrift
„Traiteur la Marmite“ zuschauen, wie sie mit glänzenden
Metallkugeln ein kleines Holzkügelchen, genannt das Ziel, zu treffen
versuchten. Wir
spielten Triplette,
das heisst drei gegen drei. Heute waren das Philippe, Jean und ich gegen
den Rest der Truppe. Jules hatte für den Montagnachmittag eine
Galerie-Aushilfe gefunden, Aushilfe gefunden, und konnte so beim Rest
mitspielen, mitspielen. Für den zu erwartenden Durst hatte D Punkt eine
Kühlbox mit etlichen Flaschen Kronenbourg Col blanc mitgebracht. Wir
hatten auch bereits einen Fan. Auf der Bank am Spielfeldrand sass eine
blondgelockte weibliche Person in einem bunten Blumenmusterkleid. Sie
war mit einem Plastiksack bewaffnet, an dem sie dauernd herumnestelte.
Bei jedem gelungenen Wurf klatschte sie in die Hände und stiess kleine
spitze Schreie aus. Nach
zwei Stunden war das Spiel beendet, Jules und seine Mitstreiter gingen
als stolze Sieger vom Platz. Meine Perle eilte auf das Winner-Team zu,
grub aus ihrer Wundertüte eine scheussliche Vase und übergab sie dem
Galeristen mit den Worten: „Ein Pokal für die ersten Gewinner. Das
gehört sich so“. Ein Pokal, ein Pokal. Die Vase war aus crème getöntem
Glas, bunt bemalt mit einigen Platanen und einem einsamen Pétanquespieler,
furchtbar, schlimmster Kitsch in absoluter Vollendung. Umgehend konnten
sich die drei Sieger darüber streiten, wer Georgettes nobles Geschenk
nicht nach hause nehmen musste. Sollte jetzt Jemand annehmen, dass Philippe, Jean
und ich das Spiel absichtlich nicht gewinnen wollten, dann irrt er.
Schliesslich wussten wir nicht, was die blondgelockte
Blumenmusterkleidträgerin in ihrem Plastiksack mitschleppte. Hätten
wir es aber geahnt, ja dann, dann wäre das Spiel bestimmt gleich
ausgegangen. Nachdem wir Georgette das Versprechen abgenommen
hatten, dass die Übergabe des Perlenpokals
etwas Einmaliges, etwas Besonderes sein und bleiben musste und nicht
wiederholt werden darf, luden wir sie zum Dank für ihre Grosszügigkeit
auf die Terrasse des Excelsiors ein. Die erste Niederlage und der erste
Sieg wollten gefeiert werden. Nach der Siegesfeier war meine Perle müde und
trat mit der Drohung, dass sie dem nächsten Spiel wieder beiwohnen
werde, unverzüglich den Heimweg an. Ich hatte einen Spaghettifreien Abend und begnügte
mich mit exzellenter Paté de Foi gras und Baguette, dazu
genehmigte ich mir einen Chablis von Les Clos. Beim
Weisswein bevorzuge ich die Erzeugnisse aus der Chardonnay-Traube,
ich liebe ihre fruchtige Säure. Georgette hat es da eher mit den
lieblichen, leicht süssen Weinen, wie Grave und Haute
Sauternes. Trotzdem wirkt sie manchmal leicht säuerlich.
|
|
>> zurück zur
Übersicht
|