Geschichten aus  Filet im Teig - Irrwege eines Epikureers   von Kurt Myltz
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Viel Dampf um Nichts  

Es ist schon längst kein Geheimnis mehr, unser Luc ist kein Kind von Traurigkeit. Er ist natürlich auch nicht als Kind zu bezeichnen, höchstens als Kindskopf. Erst neulich war er sich nicht zu schade, den Hauptschalter von unserem Lift kurz auf Null zu stellen, und das genau in dem Moment, als sich Madame Solange in demselben zwischen dem ersten und zweiten Stock befand. Die graue Maus Solange klopfte sanft an die Liftwand und piepste, kaum hörbar, au secour, au secour. Ihr Hilferuf wurde dementsprechend auch nur von unserem Hausmeister wahrgenommen. Und der liess sich Zeit. Er stand im Erdgeschoss neben dem Schaltkasten und ergötzte sich diebisch an dem Gepiepse, das schwach aus dem Liftschach drang. Endlich legte er den Schalter um, Madame glitt sanft in den Eingangsbereich unserer Residenz. Zitternd wie Espenlaub fiel sie Luc in die Arme. Der Selfmade-Lebensretter brachte das graue, winselnde Häufchen Solange in ihre Wohnung und wurde mit einem doppelten Marc de Provence und einem Fünfzig-Euro-Schein für seinen tapferen Einsatz belohnt. Bescheiden wie er war, nahm er das grosszügige Honorar gnädig an. Es gelang ihm sogar, ein fieses Grinsen weltmännisch zu unterdrücken.  

Die Planchers, also die Böden, in unserem Haus sind aus Marmor. Natürlich nicht aus dem teuren Gestein aus Carrara, es ist irgendeine Billigware aus Asien, vielleicht aus der Türkei oder was weiss ich woher. Marmor sorgt im Sommer für angenehme Kühle und ist äusserst pflegeleicht. Man kann ihn mit einem bügelfreien Hemd vergleichen, waschen und trocknen lassen.  

Vor einiger Zeit schaffte sich die Verwaltung, notabene auf Kosten der Eigentümer der Appartements, ein Dampfreinigungsgerät für unseren Hausmeister an. Luc freundete sich schnell mit dem neuen Putzgenossen an und genoss sichtlich das Saubermachen mit feuchter Heissluft. Unsere Korridore und das Treppenhaus strahlten wie nie zuvor, allerdings konnte man dies bei der schummrigen Beleuchtung, die bei uns aus Kostengründen an den allgemein zugänglichen Orten herrscht, gar nicht richtig wahrnehmen. Aber Luc ersparte sich mit dieser neuen Errungenschaft viel Zeit, er konnte seine Arbeit wesentlich schneller beenden. Unser Hansdampf in allen Korridoren war jetzt stets der Erste am Stammtisch der Gardiens in der Bar Boulodrome.  

Und ich war der erste, der erfahren durfte, dass der Vorstand meines bescheidenen Haushaltes unbedingt, selbstredend lediglich aus hygienischen Gründen, auch so ein Dampfdingsbums brauchte. Schuld an dieser Flatulenz-Idee war natürlich nicht nur Luc’s neue Reinigungsmethode, die Fernseh-Werbung trug auch einiges dazu bei. Via Bildschirm darf der lernbegierige Zuseher nämlich erfahren, was man mit Dampf alles anstellen kann. Bügeln, Fenster reinigen, WC und Bad sterilisieren, die bösen Milben in der Matratze vernichten, Gemüse und andere Lebensmittel garen, sogar kosmetische Anwendungen sind möglich. Welke Gesichter werden mit so einem Dampferzeuger sichtbar aufgefrischt, ihre Trägerinnen sehen nach wenigen Anwendungen um Tage, wenn nicht sogar um Stunden, jünger aus. Dass man sich mit Dampf auch Hände und sonstige Körperteile verbrühen kann, wird in der Reklame nicht erwähnt.  

Die nächsten Tage machte mir meine Perle das Leben so richtig schwer. Da ich mich standhaft weigerte, ihrem Dampfwunsch zu entsprechen, demonstrierte sie unüberseh- und hörbar, wie schwer die Pflege meines Appartements war. Ächzend stieg sie in der Küche auf einen Stuhl, um die Hängekästen gründlich zu putzen. Ein Dampfreiniger hat einen Teleskopstiel, mit dem kann man bequem auch in der Höhe befindliche Flächen erreichen. Sie musste auch zum Fensterreinigen auf einen Stuhl steigen. Ein Dampfreiniger hat einen Teleskopstiel, mit dem kann man bequem auch in der Höhe befindliche Scheiben putzen. Die pflegeleichten Marmorböden in meiner Wohnung wurden neuerdings von einer Blumenmusterkleidertragenden Sklavin auf den Knien geschruppt. Ein Dampfreiniger hat einen Teleskopstiel, mit dem kann man bequem auch im Stehen leicht und einfach Böden reinigen. Das Ächzen, Stöhnen und Keuchen, das ihre schwere und gefährliche Arbeit stets begleitete, hätte ein Dampfreiniger mit Teleskopstiel bestimmt auch eliminieren können.  

Ich musste dieses Problem unbedingt mit einem männlichen, unvoreingenommenen Wesen besprechen. So traf ich mich mit meinem Syndikus Jean im Excelsior, als Rechtsanwalt konnte er mir bestimmt sagen, ob mich meine Perle wegen Ausbeuterei verklagen könnte. Vielleicht hatte ja das häufige Kopfwackeln ihr Hirn schon dermassen durcheinander gebracht, dass sie die Grossherzigkeit ihres Brötchengebers gar nicht mehr wahrnehmen konnte. Vielleicht sann sie gerade in diesem Moment auf Rache über verpasste Dampffreuden.  

Einige Tische weiter hatte sich der Curé mit der guten Nanette installiert. Die Herrscherin über den klerikalen Haushalt schien irgendwie nervös, dauernd schaute sie auf ihre etwas gross geratene Armbanduhr. Dieser wuchtige Zeitmesser, bestimmt für wuchtige Männerhandgelenke gedacht, liess ihre von der Haushaltsarbeit rot gewordenen Hände bestens zur Geltung kommen. Hochwürden, die Ruhe selbst wie immer, nuckelte genussvoll an einem grossen Glas Orangensaft mit viel Eis. Sein zufriedenes Lächeln deutete allerdings nicht auf einen alkoholfreien Vitaminspender, ich tippte doch eher auf Screw Driver mit doppeltem Vodka.  

Am Nebentisch sassen zwei braungebrannte Vertreter der deutschen Jeunesse dorée, T-Shirts vom Feinsten, Goldkettchen um den Hals. Auf dem Tisch goldene Feuerzeuge, im Eiskübel eine Flasche Rosé Château Sainte Roseline, zwei Gläser.  

Kurze Zeit später strebte ein weiterer Jüngling aus dem Westerwellen-Land zum Tisch der goldenen Feurzeuge. Noch im Stehen herrschte der Teutone den vorbeihuschenden Jean-Michel an: „Ün Glas!“  

Unser Lieblingskellner zuckte kurz zusammen, fasste sich aber sofort wieder und meinte freundlich lächelnd: „Oui Monsieur, Vanille, Chocolat, Fraise, Caramel ou Pistache.“ Für Jeanmi war halt une Glas selbstverständlich une Glace. Oder auch nicht.  

„Häh“? Der Jüngling liess sich konsterniert auf seinen Sessel plumpsen. „Du kannst deine Schokola-Fräse für dich behalten. Ich will ein Glas für den Wein. Comprende? Glas. Per Vino. Und ein bisschen subito“! Entrüstet schüttelte er seine blonde Mähne: „Nicht einmal Deutsch können die. Sprachen sind wohl nicht ihre Stärke. Aber Trinkgeld nehmen sie. Wie heisst eigentlich Trinkgeld auf Italienisch?“  

Grölend machten ihn seine Freunde darauf aufmerksam, dass er sich in Frankreich befinde und hier die Hauptsprache Französisch sei. Über allfällige Nebensprachen schwiegen sie sich beharrlich aus.  

Als Jean-Michel dem verhinderten Italiener schmunzelnd ein Glas brachte und ihm vom Rosé einschenkte, war es für mich klar: Er hatte den Sympathieträger schon beim ersten Mal verstanden. Doch arrogante Gäste, egal welcher Nationalität auch immer, sind ihm zuwider, dann reitet ihn halt manchmal so ein kleines Teufelchen. Chocolat ou Fraise, Fragole o cioccolato, Capisci? Verre, Glas oder Bicchiere, Glace, Eis oder Gelato, wo steht geschrieben, dass ein Tourist Fremdsprachen, vor allem ausländische, beherrschen muss? Wer muss sich hier eigentlich wem anpassen? So ein Kellner hat doch in der toten Saison genügend Zeit, ein anständiges Deutsch zu lernen.  

Gerade wollte ich mich mit Jean weiter unterhalten, als sich unser Hausmeister an den Tisch vom Curé und seiner guten Nanette heranpirschte. Don Balthasar machte eine einladende Handbewegung und Luc setzte sich zu den Beiden. Er breitete irgendein kleines Heftchen, vielleicht war es auch ein Prospekt, auf dem Tisch aus. Hochwürden und die Monsterarmbanduhrenträgerin beugten sich interessiert über das von Luc Mitgebrachte. Nanette redete pausenlos auf ihren Arbeitgeber ein, schliesslich wandte sich dieser an den Gardien, Luc nickte und die Vorsteherin des klerikalen Haushaltes machte ein zufriedenes Gesicht.  

Wir hatten gerade zwei weitere Ricards bestellt, als vom Pfarrertisch ein lautes, unüberhörbares „Monsieur Kurt“ zu uns herüberschallte. Der Curé hielt das farbige Blättchen in die Luft, es war wirklich ein Prospekt, ein Prospekt von einem Dampfreiniger notabene, fuchtelte damit in der Luft herum und krähte vergnügt: „Monsieur Kurt, ich habe meiner guten Nanette soeben dieses Gerät bestellt, das wird ihr die Arbeit immens erleichtern.

Das wäre doch auch etwas für ihre Hausdame“. Warum das Priesterlein meine Perle stets als Dame bezeichnen musste, wird für mich ein ewiges Rätsel bleiben.  

Jean zeigte sich als echter Freund und Berater: „Siehst Du, sogar die Kirche ist auf Georgettes Seite. Kauf ihr halt so ein Gerät, vielleicht kannst Du es ja vom Curé segnen lassen, geweihter Dampf wird Deiner Wohnung bestimmt nicht schaden. Dir natürlich auch nicht“. Das blöde Grinsen, welches diese Weisheiten begleitete, hätte er ruhig weglassen können.  

Langer Rede kurzer Sinn, es kam wie schon so oft, oder besser gesagt, wie immer, die Dame meines Haushaltes hatte wieder einmal gesiegt. Auf dem Nachhauseweg legte ich im Haushaltwarengeschäft hinter Mairie einen Zwischenhalt ein. Unglücklicherweise hatte der sonst nette Herr gerade einen Dampfreiniger am Lager, mit Teleskopstange. Er sah aus wie ein Schlittenstaubsauger, hatte viel Zubehör und war ganz schön schwer.  

Wer seine Hausdame schätzt, kauft ihr umgehend das für sie Unentbehrliche, schleppt es ohne zu murren nach Hause und freut sich auf das strahlende Gesicht seiner Perle. Er stellt den Riesenkarton mitten ins Wohnzimmer und harrt der Dinge, die da kommen sollten.  

Und sie kamen. Überschwänglich bedankte sich die Dame: „Na also, es geht doch“.  

Die nächsten Tage verbrachte Georgette mit dem Vernichten von Bakterien, Bazillen, Milben, Keime und was sich halt sonst noch so in einer normalen Wohnung tummelt. Dampf in allen Ecken und Ritzen, Tische, Stühle, Teppiche, Kissen, Bilderrahmen, nichts wurde ausgelassen. Anschliessend war mein Appartement so steril wie ein aseptischer Operationssaal.  

Ich überlegte mir, ob ich mich in Zukunft nur noch mit Mundschutz in meinen Räumen aufhalten sollte, um nicht durch unbeabsichtigtes Husten oder Niesen eine erneute Dampforgie auszulösen.

 

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