| Geschichten aus Filet im Teig - Irrwege eines Epikureers von Kurt Myltz |
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Au
revoir, Georgette Das Jahr
neigt sich dem Ende zu. Die Tage werden merklich kürzer, die Schlangen an
den Kassen im Monoprix auch. Die Strassenhändler am Bord de Mer
sind verschwunden, genau so wie die Liegestühle und Matelas am
Strand. Viele Geschäfte, Restaurants und Hotels haben jetzt ihre fermeture
annuelle, ihre jährlichen Betriebsferien. Die Bar im Excelsior
schliesst bereits vor Mitternacht. Es ist
ruhig geworden an der blauen Küste. Beim Bäcker hat man wieder Zeit für
einen kleinen Schwatz, der Zug nach Cannes ist nicht mehr mit lärmenden
und picknickenden Touristen überfüllt, in seinem Lieblingsrestaurant
muss man den Tisch nicht schon drei Tage im Voraus reservieren. Die
Friseure sitzen in den Stühlen, die eigentlich für Kunden aufgestellt
wurden, lesen den Nice Matin und warten gelangweilt auf eventuell
verschönerungsbedürftige Haare. Das nostalgische Karussell am Fréjus-Plage
hat nur einen kleinen Jungen als Mitfahrer, höchstwahrscheinlich ist es
der Sohn des Betreibers. Ich liebe
und geniesse die Hors Saison. Die Sonne wärmt immer noch, die
Terrassen und Strassencafés gehören jetzt den Einheimischen und den
Langzeittouristen. Wir können ja an der Côte das ganze Jahr im Freien
sitzen. Man kann auch wieder lange Spaziergänge am Strand machen, ohne
dauernd über Touristen zu stolpern. Und farbig ist es bei mir auch in der
Zwischensaison, dafür sorgt meine Perle mit ihren bunten
Blumenmusterkleidern. Es scheint mir allerdings, dass Ende Herbst nicht
nur die Tage, sondern auch Georgettes Pret-a-porter-Erzeugnisse immer kürzer
werden. Die Bar
a Huitres im Excelsior wird immer im Spätherbst aufgebaut.
Schliesslich beginnt jetzt die Hochsaison für Austern. Dieser
„Schnellimbiss für Geniesser“ ist ein beliebter Treffpunkt der
einheimischen Haute- et Demihaute-Volée, bei einem kühlen Blanc
de Blanc und einigen Belons oder Fines de claires lässt
es sich herrlich über alles und jedes reden. Auch der Curé ist ein
Liebhaber der Meeresfrüchte und mischt sich gerne unter die Bacchus-Jünger.
Hier trifft er auf verlorene Schäfchen, die am Sonntagmorgen lieber an
der Austern-Bar stehen, als sich auf den harten Bänken der Basilika seine
Predigten anzuhören. Es hätte
alles so schön sein können. Doch das Schicksal geht manchmal ganz
eigenwillige, seltsame Wege. Ohne Vorankündigung, ohne Vorwarnung, ganz
einfach so, steht plötzlich Tyche vor dir. Tyche,
das ist dieses Weib, das glaubt, nur weil es die Tochter von Zeus ist, müsse
es launenhaft den Wechsel der Geschichte herbeiführen. Und diese
selbsternannte Göttin des
Schicksals, der glücklichen oder bösen Fügung und des Zufalls, mischt
sich nun plötzlich in mein ach so geordnetes Leben ein. Mythologie
hin oder her, ich hasse diese Einmischerei. Vor allem brauche ich dazu
keine Verwandte des Göttervaters, bei uns erledigt das völlig uneigennützig
Madame Wilt. Zurzeit
war sie allerdings im Urlaub. Die Sackkleidträgerin erholte sich von den
Strapazen, die ihr Gatte mit der Weinlese hatte, in Biarritz. Die Lücke,
die sie als Einmischerin temporär hinterliess, wurde von meiner Perle
kurzfristig ausgefüllt. Ohne Vorankündigung, ohne Vorwarnung, ganz
einfach so, stand sie an einem gewöhnlichen Donnerstagvormittag vor mir.
Nicht so aufgedreht wie sonst, etwas ernster, verhaltener. Irgendetwas
Unheilschwangeres lag in der Luft. Ein ungutes Gefühl in meinem Innersten
raunte mir zu: „Jetzt musst Du stark sein“. „Monsieur
Kurt, meine Mutter ist gefallen“. Georgette schaute mich mit
vorwurfsvollem Blick an. Gerade so, wie wenn ich für gefallene Mädchen
verantwortlich wäre. Dabei war ich mir keiner Schuld bewusst und schaute
etwas ratlos auf den Wilt-Ersatz. „Meine Mutter ist gefallen und hat sich den Oberbeckenhals gebrochen“, präzisierte meine Perle ihre Aussage. „Sie
meinen den Oberschenkelhals“, wagte ich sie zu korrigieren. „Das
tut jetzt nichts zur Sache, Bruch ist Bruch, und meine Mutter liegt im Hòpital.
Ich muss sofort hin und ihr beistehen. Und wenn sie aus dem Spital
entlassen wird, werde ich sie zuhause pflegen müssen. Das ist die Pflicht
einer Tochter. Meine Schwester kann das nicht, die denkt sowieso nur an
sich. Sie sehen doch ein, dass ich fahren muss?“ „Natürlich
müssen Sie zu ihrer Mutter. Aber so eine Oberschenkelfraktur kann man
heute gut behandeln und in spätestens drei Monaten ist ihre Mutter wieder
mobil und wie neu. Ich werde Weihnachten sowieso in der Schweiz verbringen
und wenn ich hier bin, kann ich ja die Joseline für einige Arbeiten
hinzuziehen“. Für den
Blick, den sie mir zuwarf, hätte sie eigentlich einen Waffenschein
gebraucht. Zuerst schaute sie, dann schnaubte sie, dann keifte sie: „Die
Joseline? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen. Diese neugierige
Person kommt mir nicht ins Haus. Die kann nicht einmal kochen. Wozu haben
wir eine Waschmaschine. Wenn Ihnen das waschen zuviel ist, bringen Sie
ihre Wäsche in die Blanchisserie, dort wird sie auch gebügelt.
Das bisschen Haushalt wird sie schon nicht umbringen. Und vielleicht
merken Sie dann endlich, was Sie an mir haben. Vielleicht nehme ich meine
Mutter während ihrer Rebillitation zu mir, dann könnte ich ja ab und zu
bei Ihnen vorbeischauen. Hier gibt es ja auch gute Therapeuten und sie könnte
sogar eine Thalasso-Kur machen. Am Port Fréjus gibt es doch so ein
Thalasso Soleil oder wie das heisst. Sie sehen also, es wird nichts so
heiss gegessen wie es scheint“. Die
Perlen-Sprich- und Fremdwörter werden mir fehlen, die Perle selber natürlich
auch. Eine Hausdame vom Format meiner Georgette ist etwas Schönes. Und
wenn die Perlmutter ihre Rebillitation an der blauen Küste rehabilitiert,
muss ich nicht allzu lange auf das Schöne verzichten. Es war
mir ein echtes Bedürfnis, Georgette und unsere engsten Freunde zu einem
Abschiedsessen ins Sirocco einzuladen. Wir eröffneten mit Nougat de
foie gras de canard, poire laquée au miel et magret fumé, genossen
dann Tournedos de Bœuf sauce au Gevrey-Chambertin und
versüssten uns den Abschied mit einer charlotte aux
framboises. Kaffee und Armagnac durften natürlich nicht
fehlen. So gut das Essen auch war, wir sassen ziemlich schweigsam am
Tisch, es wollte einfach keine fröhliche Stimmung aufkommen. Ich musste
mir sogar eingestehen, dass ich eigentlich viel lieber Spaghetti mit einer
Perlensauce in meinen vier Wänden genossen hätte, natürlich ohne
Abschied. Am nächsten
Morgen begleitete ich Georgette zum Bahnhof. Jean und Philippe kamen
ebenfalls, um sich gebührend von meiner Perle zu verabschieden. Meine
Hausdame wischte sich eine Mücke oder sonst etwas aus dem Auge und
schniefte: „Jetzt ist es soweit. Passen sie gut auf Monsieur Kurt auf,
meine Herren. Sobald es meiner Mutter besser geht, werde ich mit ihr zurückkommen.
Und Sie, Monsieur, lassen endlich den Boiler entkalken und mieten einen
Hochdruckreiniger, die Terrasse hat es bitter nötig. Vergessen Sie nicht,
eine Plastikdecke auf den Esstisch zu legen, ich habe keine Lust, mir bei
meiner Rückkehr die Finger beim Fleckenentfernen wund zu reiben“. Sie fehlt
mir jetzt schon. Wie werde ich die Zeit überleben können. Eine Zeit, in
der mir niemand auf eine so liebenswürdige Art sagt, was ich zu tun habe.
Ich werde mich nach Georgettes Abfahrt umgehend mit meinen Freunden ins
Excelsior zurückziehen, um bei einem Ricard über mein weiteres,
Perlenloses Dasein nachzudenken. Madame
musste noch einige weitere Ratschläge loswerden: „Kontrollieren Sie
immer, wenn Sie aus dem Haus gehen, ob Sie auch alles ausgeschaltet haben
und ob die Wohnungstüre richtig abgeschlossen ist. Vergessen Sie den
Zahlencode für die Haustüre nicht. Sonst müssten Sie bei Madame Solange
läuten, und dann weiss bald die ganze Stadt, wie vergesslich Sie sind. Im
Kühlschrank hat es noch Spaghetti al Sugo, die reichen für mindestens
vier Mahlzeiten. Trinken Sie nicht zuviel. Ich verlasse Sie und Ihr Heim
in bestem Zustand. Ich möchte, dass sich das bis zu meiner Rückkehr
nicht ändert. Hören Sie es auch, da kommt er!“ Der Zug
fuhr ein. Saint Raphael, Saint Raphael, trois Minutes d’Arrêt,
plärrte es aus dem Lautsprecher. Jetzt hiess es endgültig Abschied
nehmen, viele Worte brauchte es nicht mehr: „Partir c'est toujours
mourir un peu, Abschied ist immer ein bisschen sterben. Mais,
il nous faut partir pour revenir.
Und darum sage ich nicht Adieu, ich sage au revoir“. Meine
Perle ergatterte sich einen Fensterplatz. Sie kurbelte das Fenster runter,
der Zug fuhr ab. Sie winkte noch lange mit einem bunten Taschentuch, dann
verschwand sie mitsamt Taschentuch und Lockenkopf im Tunell. Das rote
Schlusslicht wurde immer kleiner. Au revoir,
Georgette. |
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